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Sternstunde der Klaviermusik

Guben.. Feierliche Stille lag am Samstag, nach den herzlichen Begrüßungsworten des Ersten Vorsitzenden Frank Dietrich im Namen der Gubener Druidenloge „Zur Hoffnung“ , über der Alten Färberei. Ein letztes Hüsteln und Rascheln mit den Programmen verstummte. Dann betrat die Kieler Pianistin koreanischer Herkunft, Shin Heae Kang, unter Beifall das Podium, um mit einem anspruchsvollen Repertoire den Steinway-Flügel kammermusikalisch ein zweites Mal zu weihen. Adolf Auga

In ihrer Programmwahl entschied sich Shin Heae Kang ausschließlich für Werke der Romantik, jener Musikepoche, die das strenge klassische Gefüge durch gefühlsbetonte und traumhafte Vorstellungen schrittweise auflockerte. Die 20-jährige Pianistin begann ihr Konzert, ganz die Lyrik auskostend, mit der balladenhaften „Sonate a-Moll“ op. 143 (D 784) von Franz Schubert (1797-1828). Auch in dem sanft geschwungenen „Nocturne Des-Dur“ op. 27, Nr. 2 ( „Nachtstück“ ) von Frédéric Chopin (1810-1849) beließ sie es bei einer liebevollen Träumerei, um mit dem Vortrag der insgesamt 28 Variationen über ein „Thema von Paganini“ op. 35 von Johannes Brahms (1833-1897) für den ersten Wirbel zu sorgen. Bravourös, wie die Pianistin die ausgeprägten Doppelgriffe und die getupften Akkordbrechungen bewältigte, aber auch den Schwung des aufblühenden Wiener Walzers andeutete.
Die wunderbare Gestaltung der einzigartigen „Fantasie C-Dur“ op. 17 im Legendenton, die in einer für Robert Schumann (1810-1856) emotionalen Trennungsphase von seiner späteren Gattin Clara Wieck entstand, galt nach der Pause dem großen Luftholen vor dem grandiosen Abschluss aus dem Zyklus „Années de pélerinage: Italie“ , den „Pilgerschaftsjahren - Zweites Jahr. Italien“ von Franz Liszt (1811-1886). Die Auslegung Lisztscher Kompositionen verlangt vom Pianisten erstmals die Ausnutzung der gesamten Klaviatur mit Akkorden und Oktaven in den verschiedensten Lagen, vielfältigen Ornamenten, Sprüngen und großräumigen Arpeggien, bei denen die Töne nicht gleichzeitig, sondern harfenartig nacheinander erklingen. All die komplizierten Techniken meisterte Shin Heae Kang blendend in der mächtigen, episodenhaften „Dante-Fantasie“ des über Jahre in Weimar wirkenden Klaviervirtuosen ungarischer Herkunft.
Insgesamt ein bestechener Klavierabend, in dem Eindringlichkeit und Tiefe geschliffenen Spiels zur Leucht- und Überzeugungskraft führten. Erstaunlich, wie die aufstrebende Nachwuchskünstlerin in und mit den Tönen lebte und ihre absoluten pianistischen Höhepunkte immer dann erreichte und an die Hörer weitergab, wenn sie das Innerste der Musik nach außen kehrte und im Wohlklang schwelgte. Dabei verhalf ihr das kraftvolle Selbstbewusstsein, mit dem sie die Kontraste vom gehämmerten Sforzato, dem Hervorheben einzelner Töne, bis zum hauchfeinen Pianissimo herausarbeitete.
Blumen, Bravorufe und stehende Ovationen der über 100 Konzertfreunde und prominenten Gäste waren der bescheidene Lohn für die entbehrungsreichen Übungs- und Studienjahre der sympathischen Trägerin des Deutschen Druidenordens 2006 Shin Heae Kang, der zur nationalen auch eine baldige internationale Karriere zu wünschen ist.