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| 11:25 Uhr

Ich kaufe regional
Landläden zwischen Fleischtheke und Internet

Strittmatters Laden in Bohsdorf zeigt die scheinbar heile Welt des Dorfladens. Wie auch künftig die Versorgung und Mobilität auf dem Land gesichert werden kann, soll ein Modellprojekt zeigen, an dem die Landkreis Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz teilnahmen.
Strittmatters Laden in Bohsdorf zeigt die scheinbar heile Welt des Dorfladens. Wie auch künftig die Versorgung und Mobilität auf dem Land gesichert werden kann, soll ein Modellprojekt zeigen, an dem die Landkreis Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz teilnahmen. FOTO: erich schutt
Spree-Neiße. Ein Modellprojekt sollte für den Raum zwischen Forst und Lauchhammer Lösungen finden, wie Mobilität und Versorgung auf dem Lande gesichert werden können. Die Praxis zeigt: Es hängt von den Menschen ab, ob es noch den Dorfladen gibt. Im August startet in Spremberg ein Internet-Kaufhaus, das einmal die komplette Lausitz bedienen könnte. Von Jürgen Scholz

„Reich wird man damit nicht. Dann sollte man etwas anderes machen.“ Ivette Schultke (46) betreibt mit ihrem Mann Thomas den Dorfladen in Kerkwitz. Gepachtet haben sie ihn vom  Kleintierzüchterverein. Der ist in Kerkwitz so etwas wie ein Verein für alles und hat die Scheune mit Fördermitteln zu einem Treff- und Veranstaltungspunkt fürs Dorf ausgebaut. Der Laden gehört dazu. Sechs Jahre läuft der Pachtvertrag. Schultkes konnten ohne Investionen einsteigen, die sie langfristig belasten würden.

Ivette Schultke (46) betreibt mit ihrem Mann Thomas den Dorfladen in Kerkwitz. Die Kunden sind zu 60 Prozent Ältere aus dem Dorf, im Sommer kommen auch Gäste vom Campingplatz am Deulowitzer See. Neben Waren des täglichen Bedarfs wird vor allem aber auf Regionales gesetzt, wie auf Wein aus Grano. Ivette Schultke arbeitet auch als Verkäuferin bei Kaufland,  in Kerkwitz hat sie im Sommer auch vormittags von 6 bis 10 Uhr, sonntags von 7 bis 10 Uhr, montags, dienstags und freitags auch von 15 bis 19 Uhr geöffnet. Brötchen können per Whatsapp am Vorabend bestellt werden, bei Bedarf wird auch anderes besorgt. Wäschereiannahme, Post oder Präsentkörbe ergänzen das Angebot, auf Bestellung gibt es in Neuzelle Geschlachtes von der Weide nebenan oder von Kleintierzüchtern aus dem Ort, Schultkes „Vermietern“.
Ivette Schultke (46) betreibt mit ihrem Mann Thomas den Dorfladen in Kerkwitz. Die Kunden sind zu 60 Prozent Ältere aus dem Dorf, im Sommer kommen auch Gäste vom Campingplatz am Deulowitzer See. Neben Waren des täglichen Bedarfs wird vor allem aber auf Regionales gesetzt, wie auf Wein aus Grano. Ivette Schultke arbeitet auch als Verkäuferin bei Kaufland, in Kerkwitz hat sie im Sommer auch vormittags von 6 bis 10 Uhr, sonntags von 7 bis 10 Uhr, montags, dienstags und freitags auch von 15 bis 19 Uhr geöffnet. Brötchen können per Whatsapp am Vorabend bestellt werden, bei Bedarf wird auch anderes besorgt. Wäschereiannahme, Post oder Präsentkörbe ergänzen das Angebot, auf Bestellung gibt es in Neuzelle Geschlachtes von der Weide nebenan oder von Kleintierzüchtern aus dem Ort, Schultkes „Vermietern“. FOTO: LR / Jürgen Scholz

Auf eine solche Lösung setzte  vor etwa zwei Jahren auch die Gemeinde Jänschwalde, als die Inhaberin des Geschäftes in der Dorfmitte aufhören und den Laden verkaufen wollte. Die Idee: Im Sinne der Daseinsvorsorge kauft die Gemeinde die Immobilie und verpachtet sie wieder. Doch das scheiterte an rechtlichen Bedenken  des  Amtes Peitz.

Dabei hatte die Gemeinde Dissen-Striesow (Amt Burg) bereits ein ähnliches Konzept umgesetzt. Sie kaufte in Dissen eine alte Hofstelle und baute sie aus: Das Nebengelass wurde zum Storchenzentrum mit Seminarraum, in dem der Obstbauverein, der hinter der Scheune einen Schaugarten angelegt hat, und der nahe gelegene Kräutergarten Seminare anbieten. Ins alte Wohnhaus kam ein  Laden, im Dachgeschoss sollte ein Versammlungsraum entstehen. Ein Modell wie aus dem Lehrbuch. Mit großen Hoffnungen startete der kleine Laden mit zwei Betreiberinnen aus Berlin. Und schloss wieder. Die Nähe zum  sechs Kilometer entfernten Kaufland-Komplex in Cottbus, der Einkauf beim noch näher gelegenen Bäcker und Fleischer in Sielow auf dem Heimweg von der Arbeit, das  waren aus Sicht von Bürgermeister Fred Kaiser Gründe, die mit zum Scheitern führten. Mittlerweile hat im Haus ein Café mit Laden aufgemacht, das vor allem für Touristen und Ausflügler Anlaufstelle ist. Immerhin 12 000 Besucher zählt der Komplex aus Museum, Mittelalterdorf und Kräutergarten in Dissen jährlich. Statt des Versammlungsraumes entstand eine Wohnung für die Café-Betreiber. Es sei ein Vorteil, wenn sie vor Ort seien, so Bürgermeister Kaiser.

Nah dran sein, das ist wohl ein  wesentlicher Grund dafür, dass es in Jänschwalde und in Kerkwitz funktioniert.

Nur zwei Minuten braucht Ivette Schultke mit dem Rad bis zum Dorfladen in Kerkwitz, wenn jemand anruft, weil sich kurzfristig Besuch angekündigt hat und etwas fehlt. Was sie nicht im Sortiment hat, besorgt sie. Gut 60 Prozent ihrer Kunden sind Ältere aus dem Ort. Nicht alle sind mobil. Dazu kommen im Sommer Gäste des Campingplatzes. Ivette Schultke setzt deshalb auf zwei Schwerpunkte: ein kleines Angebot an Waren des täglichen Bedarfs, dazu Obst, Gemüse, Getränke, Postdienstleistungen und Wäschereiannahme. Vor der Tür steht ein Tisch mit mehren Stühlen; Gelegenheit zum Plausch. Der zweite Schwerpunkt: Regionales und Besonderes, mit dem sie auch Präsentkörbe bestückt. Wein aus Grano gibt es nicht beim Discounter. Aber bei ihr.

Die Jänschwalder hatten Glück. Die Besitzerin behielt die Immobilie und verpachtete sie an Gudrun Starke. Die ist schon seit 1987 Verkäuferin im Ort, hat vor gut anderthalb Jahren das Geschäft übernommen und ist Verkäuferin aus Leidenschaft: „Ich bin ein Kind des Konsum“, sagt sie.  Aus Erfahrung setzt Gudrun Starke auf Vielfalt. Wie viele Produkte es sind, kann sie auf Anhieb nicht sagen. Auch sie  hat Post und Wäschereiannahme im Laden, eine Lottoannahmestelle, bekommt Fleisch aus Golßen, backt Brötchen, bezieht Brot und Backwaren aus Cottbus, Leinöl aus Hoyerswerda. Auch bei ihr gilt: Wer was braucht, was sie nicht vorrätig hat, dem besorgt sie das Gewünschte. Sie ist 59 Jahre, irgendwann kommt der Ruhestand, dann hofft sie auf einen Nachfolger.

Gudrun Starke (59) ist „ein Kind des Konsum“. Seit 1987 arbeitet sie in Jänschwalde, seit anderthalb Jahren hat sie das Geschäft von der Vorbesitzerin gepachtet. „Die Vielfalt macht’s“,  ist sie überzeugt. In dem  relativ großen Laden bietet sie nahezu alles an, was für den täglichen Bedarf gebraucht wird , dazu kommen Post und Lotto, Wäscheannahme, Fleisch aus Golßen, Backwaren. Was es nicht gibt, wird besorgt. Neben den Stammkunden sind es auch Pendler, die auf dem Weg zur Arbeit an dem Laden mitten im Dorf anhalten, aber auch Urlauber. Mit zwei Teilzeitkräften und ihrem Mann hält Gudrun Starke den Dorfmarkt am Laufen.  Irgendwann,  so hofft, sie wird es auch einen Nachfolger geben.  Das kurze Gespräch an der Kasse gehört einfach dazu.
Gudrun Starke (59) ist „ein Kind des Konsum“. Seit 1987 arbeitet sie in Jänschwalde, seit anderthalb Jahren hat sie das Geschäft von der Vorbesitzerin gepachtet. „Die Vielfalt macht’s“,  ist sie überzeugt. In dem  relativ großen Laden bietet sie nahezu alles an, was für den täglichen Bedarf gebraucht wird , dazu kommen Post und Lotto, Wäscheannahme, Fleisch aus Golßen, Backwaren. Was es nicht gibt, wird besorgt. Neben den Stammkunden sind es auch Pendler, die auf dem Weg zur Arbeit an dem Laden mitten im Dorf anhalten, aber auch Urlauber. Mit zwei Teilzeitkräften und ihrem Mann hält Gudrun Starke den Dorfmarkt am Laufen.  Irgendwann,  so hofft, sie wird es auch einen Nachfolger geben.  Das kurze Gespräch an der Kasse gehört einfach dazu. FOTO: LR / Jürgen Scholz

Dass es bis dahin Klarheit gibt, ob eine Kommune einen Laden kaufen und verpachten kann, darauf hoffen auch  Liane Küchler und Janine Sembol im Landratsamt Spree-Neiße. Sie haben das Modellprojekt betreut, das klären sollte, was es an Versorgungseinrichtungen in den Landkreisen Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz gibt, wie es um die Mobilität der Einwohner steht und welche modellhaften Lösungen es gibt oder geben könnte. Ende des Monats endet das zweijährige Projekt, Mitte Juli wird abgerechnet, im Herbst das Ergebnis dem Kreistag vorgelegt – samt Handlungsempfehlungen, die die beauftragte Ibis GmbH aus Berlin zusammengetragen hat. Die hat vor Kurzem auch das überarbeitete Nahverkehrskonzept für Spree-Neiße vorgelegt.

Zufall oder nicht: Im Kern wird auch im öffentlichen Busverkehr der wichtigste Ansatz des Mobilitätsprojektes gesehen. So sollten Angebot zum „Mobilitätstraining“ vor allem Älteren die Unsicherheit bei der Nutzung von Bussen nehmen. Was bei den einen für amüsiertes Lächeln sorgte, nahmen andere durchaus mit ernstem Hintergedanken an. Ein ältere Frau sei beispielsweise  mit ihrem auf den Rollstuhl angewiesenen Mann vorbeigekommen, um zu testen, wie sie mit dem Bus zurechtkommen, so Janine Sembol. Insbesondere aber der Umgang mit den Rufbussen im ländlichen Raum stelle viele vor Probleme. So seien manche durchaus irritiert, wenn statt des Busses plötzlich ein Taxi auftaucht. Im Landkreis wurden deshalb Info-Blätter vorbereitet, die kurz und knapp Hinweise geben, wie es funktioniert. Noch in zweifacher Ausführung, weil im Westen des Landkreises Spree-Neiße eine andere Telefonnummer gewählt werden muss als im Osten. Aber auch das soll vereinheitlicht werden.

Doch was, wenn es weder Verkäufer aus Leidenschaft und Erfahrung im Ort gibt oder die Mobilität aus anderen Gründen scheitert?

Jens-Uwe Winkler ist Floristmeister in Spremberg und wurde im Rahmen seiner Verbandsarbeit auf das Konzept eines Internetkaufhauses aufmerksam, das nun schrittweise aufgebaut werden soll. Start ist im August in Spremberg für ein Gebiet im Umkreis von 25 Kilometern. Bestückt wird das Warenhaus von Händlern und Erzeugern aus der Region, die Waren werden kostenlos nach Haus gebracht in Zeitspannen von 13 bis 15 sowie 18 bis 20 Uhr. Etwa 20 Geschäfte sind bereits dabei, ein weiteres halbes Dutzend „in der Warteschleife“. Gesprochen werde derzeit auch noch mit Landwirtschaftsbetrieben, so Winkler. Dorfläden sollen nicht bedrängt werden, betont er. Aber 60 000 Euro täglich würden in der Region über Internethandel umgesetzt.
Jens-Uwe Winkler ist Floristmeister in Spremberg und wurde im Rahmen seiner Verbandsarbeit auf das Konzept eines Internetkaufhauses aufmerksam, das nun schrittweise aufgebaut werden soll. Start ist im August in Spremberg für ein Gebiet im Umkreis von 25 Kilometern. Bestückt wird das Warenhaus von Händlern und Erzeugern aus der Region, die Waren werden kostenlos nach Haus gebracht in Zeitspannen von 13 bis 15 sowie 18 bis 20 Uhr. Etwa 20 Geschäfte sind bereits dabei, ein weiteres halbes Dutzend „in der Warteschleife“. Gesprochen werde derzeit auch noch mit Landwirtschaftsbetrieben, so Winkler. Dorfläden sollen nicht bedrängt werden, betont er. Aber 60 000 Euro täglich würden in der Region über Internethandel umgesetzt. FOTO: LR / Wappler

In der Stadt Spremberg startet im August ein Internet-Kaufhaus. Es ist eine Initiative von Gewerbetreibenden aus der Stadt, die den Markt im Netz nicht Internet-Giganten wie Amazon überlassen wollen. Die Idee: Aus dem Sortiment der beteiligten Läden kann der Kunde sich zum ganz normalen Ladenpreis einen Warenkorb zusammenstellen, der ihm dann kostenlos zugestellt wird. Vorerst soll das Angebot auf ein Gebiet um 25 Kilometer um Spremberg herum gelten, dann auf die gesamte Lausitz ausgedehnt werden, beschreibt Jens-Uwe Winkler das Konzept. Der Floristmeister aus Spremberg kam auch über seine Arbeit im Bundesverband für Handel und Wirtschaft in Kontakt mit dem Konzept aus Nordrhein-Westfalen. Die Spremberger übernehmen es als Blaupause und bauen ihr eigenes Internet-Kaufhaus auf. Bereits an Bord sind rund 20 Gewerbetreibende und Erzeuger, unter anderem Händler von Spielzeug, Taschen und Mode, ein Bioladen und ein Reformhaus sowie Weingeschäfte. Gespräche mit Landwirten laufen ebenso wie mit dem klassischen Lebensmittelhandel. Man sei auch offen für  weitere Interessenten, betont Winkler. In welcher Form die Kaufhaus-Betreiber starten, das  entscheide sich in den nächsten zwei Wochen. Man wartet noch auf die Entscheidung über mehrere Fördermittelanträge. Immerhin wird eine sechsstellige Summe für den Start benötigt. Die Initiative werde notfalls auch ohne Zuschuss loslegen. Die hätte auch über das Modellprojekt erfolgen können. Dort erfuhr man zu spät von den Plänen.

Ich kaufe regional 4c
Ich kaufe regional 4c FOTO: LR