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Seelsorger rät: Auch Kinder sollen bei einem Todesfall Abschied nehmen können

Michael Voigt referierte über die Begegnung von Kindern mit Tod.
Michael Voigt referierte über die Begegnung von Kindern mit Tod. FOTO: utr1
Guben. In der Veranstaltungsreihe "Kultur im Stift" hat Krankenhaus-Seelsorger Pfarrer Michael Voigt am Mittwochabend ein Impulsreferat zum Thema "Wenn Kinder dem Tod begegnen, Kinder trauern anders" im Lesecafé des Naemi-Wilke-Stifts gehalten. Dabei ging es um die Beschäftigung von Kindern mit dem Thema Tod und die möglichen Antworten von Eltern und Großeltern auf Kinderfragen. Ute Richter / utr1

Zur Einführung ins Thema zeigte Pfarrer Voigt einen Film, in dem Kinder erzählen, wie sie sich das Sterben vorstellen und was ihrer Meinung nach nach dem Tod kommt. Da war von Himmel, Hölle und Gott die Rede.

Michael Voigt weiß um die Schwierigkeit des Themas. Viele Menschen würden ihr ganzes Leben lang versuchen, nicht über Tod und Sterben zu reden. Er berichtete aus seiner eigenen Familie, von seinen eigenen Erfahrungen im Umgang mit dem Tod als Kind. Er weiß, dass sich Eltern immer wieder die Frage stellen: Soll ich meine Kinder mit zur Beerdigung eines nahen Angehörigen nehmen? Aus seiner Erfahrung rät der Seelsorger und Pfarrer dazu, den Kindern durchaus die Möglichkeit des Abschieds am Grab zu geben. Wie diese Situation Kinder erleben, hänge davon ab, wie sich ihre Vertrauenspersonen verhalten. Er sagte: "Die entscheidende Koordinate im Bezugssystem des trauernden Kindes ist Mutti oder Vati, jedenfalls eine erwachsene Vertrauensperson. Wenn die in der Abschiedssituation nicht emotional zusammenbricht, wird das Kind im Vertrauen auf die Bezugsperson den Abschied ohne Schrecken erleben. Trauer und Begegnung mit dem Verstorbenen werden bei grundsätzlicher Stabilität und Zugewandtheit der Bezugsperson gut verkraftet."

Er gab zu bedenken: Wer einem Kind, älter als drei Jahre, den Tod eines nahen Angehörigen verschweigt, wecke bei ihm Angst, auch einfach so zu verschwinden. Wer einem Kind die Chance nimmt, den Tod zu begreifen, wecke schlimme Fantasien. Das Kind werde umso wahrscheinlicher traumatisiert, je näher es dem Verstorbenen stand. Darum sei Abschied nötig und heilsam für die Trauer.

Pfarrer Voigt rät Eltern, ihre Kinder bei einem familiären Todesfall genau zu beobachten und zu begleiten. Ein verändertes Verhalten oder der Rückfall in frühere Stadien der Kindheit seien Anzeichen für seelische Verwundungen. Wer sich Sorgen um sein Kind macht, sollte auf entsprechende Literatur zurückgreifen. Einige Beispiele dafür hatte Pfarrer Voigt mitgebracht. "Es gibt ein paar schöne Kinderbücher, die sich mit diesem Thema sehr kindgerecht beschäftigen", so der Seelsorger. Zahlreiche Hilfen finden Betroffene auch im Internet oder aber bei der Familien- und Lebensberatungsstelle im Naemi-Wilke-Stift.

Sein Fazit des Abends: Kinder und Jugendliche brauchen in schweren Abschieds- und Trauersituationen - von Ausnahmen abgesehen - keine Therapie. Behutsame professionelle Begleitung kann aber sehr hilfreich sein. Vor allem aber ist dort Hilfe nötig, wo die Vertrauensperson mit Tod und Sterben selbst überfordert ist.

Nächste Veranstaltungen in der Reihe "Kultur im Stift":

7. Juni, 19 Uhr, "Adams Äpfel" (dänischer Spielfilm);

14. Juni Vortrag "Reformation und Reformationsjubiläen in den Jahrhunderten" mit Bischof Hans-Jörg Voigt (Hannover)