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| 16:16 Uhr

Tradition
Schererei mit Schafen in Kerkwitz

Ronald Rocher verpasste den Skudde-Schafen in Kerkwitz am Sonntag einen neuen Haarschnitt. Sohn Hannes (l.) schaut aufmerksam zu.
Ronald Rocher verpasste den Skudde-Schafen in Kerkwitz am Sonntag einen neuen Haarschnitt. Sohn Hannes (l.) schaut aufmerksam zu. FOTO: Ute Richter
Kerkwitz. Auf dem Weg zur Wolle: Es braucht Kraft und Geschicke, um das Rohmaterial zu erhalten. Von Ute Richter

Zur öffentlichen Schafschur lud gestern der Kerkwitzer Kleintierzuchtverein auf das Gelände des Vereinsheimes ein. Profi Ronald Rocher und sein Sohn Hannes aus der Nähe von Beeskow verpassten den etwa 40 erwachsenen Skudde-Schafen des Kerkwitzer Vereins einen neuen Haarschnitt. Und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Der zwölfjährige Hannes Rocher hatte sich für die ursprüngliche Variante – mit der Schere – entschieden. Seit knapp vier Jahren hilft er seinem Vater beim Schafescheren und man sieht genau, dass er sein Handwerk perfekt beherrscht. Hannes weiß genau, wie ein Schaf bei der Schur zu halten ist, damit es nicht rumzappelt und es womöglich verletzt wird. „Kraft und Geschick sind erforderlich. Um beide Hände für die Schur frei zu haben, wird das Tier nur mit den Beinen festgehalten“, erzählt Hannes. Schon früh hat er seinen Vater, der auf dem eigenen Hof rund 600 Schafe hat, beim Wandern mit der Herde begleitet, beim Zaunziehen geholfen und beim Scheren zugeschaut. „Schafe haben mich schon immer interessiert“, sagt er.

Das weiß auch Vater Ronald Rocher. Er muss deshalb kaum noch hinschauen, wenn sein Junior beim Schaf die Schere ansetzt. Er selbst benutzt die Schermaschine. Ganze zwei Minuten dauert bei ihm ein neuer Haarschnitt. „Schafe scheren ist wie Kartoffeln schälen. Einmal rundherum, dann ist das Schaf nackig“, sagt er und lächelt ins Publikum, setzt seine Maschine an und fährt dem Schaf sanft unters Fell.

„Die Leute denken ja immer, die Tiere frieren hinterher“, so Ronald Rocher. Dem ist nicht so. Auch nicht im Winter. Deshalb rät er zur Schafschur im September oder Oktober. „Wenn das Fell über den Winter dranbleiben würde, saugt es sich mit Wasser voll, trocknet aber nicht mehr. Das ist nicht gut für die Schafe“, weiß der Fachmann aus Erfahrung. Zur Schafwolle weiß er zu berichten, dass zu DDR-Zeiten 80 Mark für ein Kilogramm Schafwolle gezahlt wurden. Heute bekommt man für einwandfrei weißes Fell gerade einmal 25 Cent pro Kilo. „Aber man kann es gut im eigenen Garten verwenden. Rund um den Baum eingegraben speichert es gut das Gießwasser“, so Vater Rocher.

Dass auch wirklich alle erwachsenen Kerkwitzer Schafe ihren obligatorischen Haarschnitt bekommen, dafür sorgten am Sonntag der 30-jährige Florian Schellack und der 29-jährige Marko Müller. Beide sind Mitglieder im Kleintierzuchtverein und kümmern sich um die rund 80 Skudde-Schafe in Kerkwitz, die in drei Herden auf unterschiedlichen Arealen weiden. „Sie halten die kleinen Flächen und Gärten, die nicht mehr bewirtschaftet werden, sauber“, berichten die beiden ungen Männer.

Vor etwa fünf Jahren haben sie die Schafe angeschafft und sich dabei ganz bewusst für Skudde-Schafe entschieden. Sie gehören zu den bedrohten Nutztierrassen und gelten als eine genügsame Art unter den Schafen. Sie wachsen im Vergleich zu anderen Rassen zwar deutlich langsamer, doch aus ihrem Fleisch kann man sehr schmackhafte Wurst und Schinken herstellen. Dieses ist dann im Dorfladen in Kerkwitz erhältlich. Gespannt schauten sich die zahlreichen Besucher am Sonntag das Spektakel an. Die Kinder durften auch die kleinen Schäfchen streicheln. Ein zünftiger Frühschoppen samt Haxe-Essen umrahmte diesen Vormittag. Im Dorfladen wurden Bratwurst, Salami und Schinken aus Schaffleisch verkauft. Die Gärtnerei am Stadtpark von Guben hatte Blumen und Stauden mitgebracht, die in selbst mitgebrachte Pflanzgefäße gleich vor Ort eingepflanzt wurden.

Um den natürlichen Feind der Schafe ging es bei einem Vortrag des Naturschutzbundes. Christiane Schröder informierte über die aktuelle Situation der Wölfe in Brandenburg, über die momentane Population sowie über Konflikte und Chancen in Sachen Wolf. Aktuell gebe es 29 Rudel in Brandenburg.

Und weil dieser Tag der öffentlichen Schafschur mit dem kleinen herbstlichen Fest so gut ankam, wird es wahrscheinlich auch im nächsten Jahr wieder eine ähnliche Veranstaltung geben. „Wir wollen damit das Ursprüngliche zeigen, dass man sonst heute kaum noch sieht“, sagen Marko Müller und Florian Schellack.