Von Daniel Schauff

Es gab Applaus. Gabi Scharkowski hat die 20 RUNDSCHAU-Leser am Donnerstagvormittag begeistert. „Besser hätte man es nicht machen können“, sagt einer derjenigen, die sich nach gut zwei Stunden im Gubener Plastinarium von ihr verabschieden. Gut zwei Stunden? Die LR-Leser haben viel, aber längst nicht alles gesehen.

Trotzdem – gelohnt hat sich der Ausflug, ein Stück weit vielleicht auch fürs Plastinarium. Gleich zwei der 20 Gäste denken jetzt über eine Körperspende nach. Fast 19 000 Körperspender gibt es weltweit. Einer bis zwei kommen pro Woche in Guben an, sagt Gabi Scharkowski. Sie ist Werkleiterin bei den Gubener Plastinaten und seit Beginn dabei. Immerhin 13 Jahre lang hat Gunther von Hagens’ Unternehmen einen seiner beiden Sitze im brandenburgischen Guben. Der andere ist in Heidelberg.

Nur rund zehn Prozent der Plastinate, die in Guben hergestellt werden, landen in von Hagens’ Körperwelten-Ausstellungen, erklärt die Werkleiterin. Der mit Abstand größte Teil geht an Universitäten, dient Forschungszwecken. „Gesundheitliche Aufklärung“ sei ein Ziel der Gubener Plastinate.

Die Auftragslage sei gut, sagt Scharkowski, untermauert das am Beispiel: „Wenn wir heute einen Auftrag bekommen, starten wir mit der Arbeit an dem Plastinat im März 2020.“ Die Personaldecke in Guben wächst. 85 Mitarbeiter zählt das Unternehmen am Standort an der Neiße. Und es wird weitergesucht.

Welche Voraussetzungen ein Mitarbeiter mitbringen müsse, fragt einer der LR-Leser. „Anatomische Kenntnisse“, sagt Gabi Scharkowski. Nie sei es wirklich schwierig gewesen, Mitarbeiter zu finden. Zu Beginn allerdings hätte von Hagens viele Seiteneinsteiger eingestellt, die dann von ihm selbst angelernt wurden. Seit von Hagens jedoch an Parkinson erkrankt ist, kann er das nicht mehr leisten. „Jetzt arbeiten bei uns Physiotherapeuten, Krankenpfleger“, sagt Gabi Scharkowski.

Am Donnerstag führt sie die LR-Leser, die die 20 sehr nachgefragten Plätze der Sonderführung ergattern konnten, auch in Teile des Werksgeländes, die Gästen bei normalen Touren nicht zugänglich sind. Nicht alle 20 Teilnehmer trauen sich, in die großen Behälter zu schauen, in denen mal ganze Menschen, mal nur Teile von Menschen plastiniert werden. Die, die sich trauen, erfahren, wie dem Körper zunächst das Wasser entzogen wird, um es durch Kunststoff zu ersetzen.

Ein kompliziertes Verfahren, das Gunther von Hagens 1977 erfunden hat und bis heute als Ikone der Plastination gilt. Regelmäßig hat das Gubener Plastinarium Gäste aus der ganzen Welt im Haus – Medizinstudenten etwa – die in Guben viel über den menschlichen Körper lernen wollen. In den ganzen Vereinigten Staaten gebe es die Möglichkeit nicht, würden die amerikanischen Studenten in Guben berichten.

Eine Belastung sei seine Arbeit nicht, sagt einer der Mitarbeiter, der sich gerade mit einem menschlichen Arm beschäftigt. Vorher, erzählt er, habe er im Krankenhaus gearbeitet, habe die Menschen leiden sehen. Das sei viel schlimmer, als Tote für die Wissenschaft herzurichten. Vor ein paar Monaten sei er ins Team beim Plastinarium gewechselt. Ein Schritt, den er nicht bereut habe. „Mir gefällt die Arbeit“, sagt er. Jeder Mensch sei anders, jeder komplex. Das fasziniere ihn.

Faszination ist auch ein Wort, das am Donnerstag den meisten der 20 RUNDSCHAU-Leser in den Kopf gekommen sein mag, als sie die große Ausstellung in der Gubener Uferstraße besichtigen. Vorbei an Sprengschädeln, die mithilfe von handelsüblichen Erbsen und Wasser zum Aufsprengen gebracht werden, vorbei an Scheibenpräparaten – hauchdünnen Schulterscheiben etwa –, vorbei an Tierpräparaten.

Der Hai mit Robbe im Maul wird bald auf Reisen gehen, sagt Gabi Scharkowski. Er eröffnet in Guben den Teil der Ausstellung, der sich mit Tierpräparaten beschäftigt. Hai und Robbe ziehen vorerst nach Ulm. Dort gibt es eine Ausstellung, die Tierpräparate zeigt.

Den Abschluss der Tour bildet der Blick vom Aussichtsturm. Er zeigt auch, wie groß das Gelände ist, auf dem die Gubener Plastinate wirtschaften. Einst war hier eine Textilfabrik untergebracht, später die Stadtverwaltung. Gunther von Hagens zog ein, als das Gebäude fast verfallen war, richtete es her, machte es zu einem Blickfang in der Nähe vom Neißeufer. Und er zeigte den Gubenern – viele von ihnen waren gegen sein Kommen in die Neißestadt – was die Ergebnisse seiner Arbeit sind. Die Leser, die am Donnerstag selbst einen Blick hinter die Kulissen werfen durften, hat Gunther von Hagens’ Werk begeistert.