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| 15:46 Uhr

Ausstellung
Rückkehr nach über 200 Jahren

Nicht nur die städtische Musikschule zeigte zur Eröffnung ihr Können. Auch die Besucher wurden zum Singen deutscher Volkslieder animiert. Diese haben bei den deutschen Spätaussiedlern Tradition.
Nicht nur die städtische Musikschule zeigte zur Eröffnung ihr Können. Auch die Besucher wurden zum Singen deutscher Volkslieder animiert. Diese haben bei den deutschen Spätaussiedlern Tradition. FOTO: Michéle-Cathrin Zeidler / Michèle-Cathrin Zeidler
Guben. Wanderausstellung erzählt in Guben die vergessene Geschichte deutscher Spätaussiedler. Von Michèle-Cathrin Zeidler

Zur Eröffnung der neuen Sonderausstellung im Stadt- und Industriemuseum Guben „Deutsche aus Russland, Geschichte und Gegenwart“ gab es von Projektleiter Jakob Fischer eine besondere Einführung. Da die Deutschen in Russland gerne traditionelle Volkslieder aus ihrer Heimat singen, umrahmte der ehemalige Geschichtslehrer aus Kasachstan seinen Vortrag mit Liedern, bei denen er das Publikum zum Mitsingen animierte.

„Ich bin mit der Ausstellung das ganze Jahr über auf Wanderschaft“, erzählt Fischer. „Bisher wurden 1100 Klassen und rund 30000 Kinder und Jugendliche mit dem Thema vertraut gemacht.“ Dies sei wichtig, da das Wissen über die deutschen Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in der Mehrheitsbevölkerung relativ begrenzt sei. „Ihre Geschichte wird heute in der Schule nicht mehr behandelt“, weiß Fischer. „Dabei leben heute rund 2,4 Millionen Russlanddeutsche in Deutschland.“ Und auch 2017 wurden 7043 Personen aus der ehemaligen UdSSR als deutsche Spätaussiedler in Deutschland aufgenommen. „In Guben gibt es einige Russlanddeutsche“, so Museumsleiterin Heike Rochlitz. „Ich finde es gut, dass wir mit dieser Ausstellung mehr über eine Geschichte erfahren, die wir so noch nicht kennen.“

Genaue Zahlen zu den Russlanddeutschen im Landkreis Spree-Neiße gibt es nicht. In den Bundesländern der ehemaligen DDR sollen insgesamt 485000 Deutsche aus Russland leben. Relevanz hat das Thema vor allem, da es in den Schulen im Geschichtsunterricht heute nicht behandelt wird.
Genaue Zahlen zu den Russlanddeutschen im Landkreis Spree-Neiße gibt es nicht. In den Bundesländern der ehemaligen DDR sollen insgesamt 485000 Deutsche aus Russland leben. Relevanz hat das Thema vor allem, da es in den Schulen im Geschichtsunterricht heute nicht behandelt wird. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler

Die Gründe für die Auswanderung aus deutschen Kleinstaaten nach Russland waren im 18. Jahrhundert vielfältig. „Die Menschen litten unter den Folgen des Siebenjährigen Krieges und der Napoleonischen Kriege“, erklärt Fischer. „Es gab Landmangel, hohe Steuern, Zwangsrekrutierungen zum Militärdienst und es herrschte eine Willkür der Obrigkeit.“ Mit dem Manifest der Zarin Katharina der Großen am 22. Juli 1763 wurde schließlich eine Auswanderungswelle ausgelöst. „Katharina versprach den Ausländern unter anderem 35 Hektar Land, die Befreiung von Steuern für 30 Jahre und erlaubte den Gebrauch der deutschen Sprache.“ Dafür sollten die eingewanderten Deutschen mehrheitlich den Beruf eines Ackerbauern ausüben und die endlosen Steppen der Kirgisen und Tataren für den Weizenanbau nutzen. „Fachkräftemangel ist keine Erscheinung der heutigen Zeit“, so der Deutschlandrusse. „Besonders die Wolga-Deutschen entwickelten sich dynamisch und dürften sogar eine autonome Republik gründen.“

Die Folgen der Weltkriege und die daraus resultierenden Konflikte mit Deutschland trafen die Nachfahren der deutschen Auswanderer hart. Es kam zu Pogromen, Deportationen, Enteignung und Repressalien: „Als das liberale Auswanderungsgesetz in Kraft trat machten sich daher viele auf in das Land ihrer Vorfahren.“ Mit 230000 neuen Russlanddeutschen erreichte die Bewegung im Jahr 1994 ihren Höhepunkt. „Die Russlanddeutschen fühlen sich als Deutsche, werden vielerorts aber als Russen angesehen“, so Fischer.

Die Wanderausstellung wird aus Mitteln des Bundesministeriums des Innern und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge realisiert und macht noch bis zum 25. November in Guben Station.