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| 12:23 Uhr

Interview mit Dr. Werner E. Platz
„Nicht alle Brandstifter sind psychisch krank“

Auch in der Region sorgten in den vergangenen Jahren mehrere Brandserien für Angst und Schrecken. In Guben mussten im vergangenen Jahr auch brennende Autos gelöscht werden.
Auch in der Region sorgten in den vergangenen Jahren mehrere Brandserien für Angst und Schrecken. In Guben mussten im vergangenen Jahr auch brennende Autos gelöscht werden. FOTO: Feuerwehr
Cottbus/Guben. Feuerteufel halten immer wieder die Lausitz in Atem. So gingen in Finsterwalde im vergangenen Herbst kurz hintereinander Mülltonnen, Papiercontainer, eine Baracke, eine Laube und ein ehemaliges Gebäude der Kreisverwaltung in Flammen auf. Polizisten suchen außerdem noch immer nach den Verursachern einer  Brandserie in Guben, wo auch Autos in Flammen standen. Von Simone Wendler

Die RUNDSCHAU sprach mit dem erfahrenen forensischen Psychiater, Dr. Werner E. Platz aus Berlin, über mögliche Motive von Brandstiftern. Unter ihnen sind, wie die Polizei ermittelt, sehr oft aktive Feuerwehrleute.

Herr Dr. Platz, Serien-Brandstifter sorgen immer wieder für große Unruhe und Ängste in den Regionen, in denen Feuer gelegt wird. Sind das alles Täter, die aus Sicht des forensischen Psychiaters als krankhaft eingestuft werden können? Wie definiert man eigentlich Pyromanie?

Platz Nicht alle Brandstifter sind psychisch krank. In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen ist krankhaftes Brandstiften, also Pyromanie, definiert. Das Entscheidende dabei ist, dass für die Brandstiftung scheinbar kein Motiv vorliegt.

Sobald ein erkennbares Motiv vorliegt, beispielsweise Rachsucht, Gewinnstreben oder politischer Extremismus, ist nicht von Pyromanie auszugehen.

Kann die krankhafte Neigung, Feuer zu legen, immer klar abgegrenzt werden oder gibt es auch Grenzbereiche?

Der Berliner Privatdozent Werner E. Platz ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Gutachter in Strafverfahren.
Der Berliner Privatdozent Werner E. Platz ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Gutachter in Strafverfahren. FOTO: Rolf Kremming

Platz Ja, diese Grenzbereiche gibt es. Die Hälfte der Brandstiftungen geschieht in einem stark alkoholisierten Zustand. Auch Drogenmissbrauch spielt eine Rolle. Es gibt auch Jugendliche mit einem gestörten Sozialverhalten, die Feuer legen, aber auch Diebstähle begehen und Schule schwänzen. Solche Persönlichkeitsstörungen gibt es auch bei Erwachsenen, da ist Brandstiftung nur eine von vielen Straftaten. Daneben gibt es natürlich auch Menschen mit krankhaften Wahnvorstellungen oder Demenz, die Brände legen. Unter Brandstiftern sind auch häufig Menschen, die soziale Konflikte nicht adäquat lösen können.

Was wären solche Konflikte?

Platz Das können Eheprobleme sein oder berufliche Konflikte. Das sind Menschen, die unsicher erscheinen, unreif sind, daneben aber auch impulsiv und reizbar. Unter den sogenannten „Feuerteufeln“ sind aber auch Menschen, die sich ganz allgemein  stark für Feuer interessieren und alles, was mit Löschen und Brandbekämpfung zusammenhängt.

Ist das vielleicht eine Erklärung, warum immer wieder Feuerwehrleute zu Brandstiftern werden?

Platz Ja, die melden dann auch sehr oft die Brände, die sie selbst gelegt haben. In Berlin hätten wir so einen Fall. Der hat noch Nägel ausgelegt, damit die Löschfahrzeuge nicht so schnell an den Brand kamen. Oft wollen diese Feuerwehrleute auch zeigen, wie toll sie sind, weil sie das Feuer melden und dann auch vielleicht beim Löschen aktiv sind.  Es sind übrigens fast ausschließlich Männer, die solche Taten begehen.

Gibt es andere Merkmale, die auf Brandstifter häufig zutreffen?

Platz Es sind überdurchschnittlich oft Schulversager darunter. Oder sie haben eine Ausbildung nicht beendet. Dadurch sind diese Menschen in ihrem sozialen Umfeld belastet. Auffällig ist, dass Brandstifter in Befragungen schildern, vor der Tat eine große innere Spannung verspürt zu haben und beim Ausbruch des Feuers in einen Erregungszustand gekommen zu sein. Deshalb wurde das früher auch mit sexueller Motivation in Zusammenhang gebracht.

Das ist falsch? Ist das einer sexuellen Erregung nur ähnlich?

Platz Heute geht man davon aus, dass es keinen direkten Bezug gibt, dass die Spannungsgefühle nur ähnlich sind.

Wie sieht es mit der Schuldfähigkeit von Brandstiftern aus? Die Ursachen für solche Taten sind ja, wie von Ihnen geschildert, vielfältig?

Platz Da muss jeder Fall genau untersucht werden. Ein Schizophrener, der im Wahn handelt, ist eher schuld­unfähig.

 Bei einem Täter mit einer Persönlichkeitsstörung muss dagegen individuell geprüft werden, ob sein Verhalten krankhaft ist. Es kann auch sein, dass er schuldfähig ist.

Sind krankhafte Brandstifter heilbar?

Platz Grundsätzlich ja, es braucht dafür jedoch eine sehr gründliche Diagnostik. Bei Jugendlichen gibt es ja noch eine Nachreifung, die kann man fördern.

 Bei Erwachsenen ist es meist schwieriger und dauert länger. Es gibt jedoch auch Brandstifter, vor allem bei Mehrfachtätern, die dauerhaft gefährlich bleiben und deshalb im Maßregelvollzug untergebracht werden müssen.

Mit Dr. Werner E. Platz
sprach Simone Wendler