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Praxis schon in der Schule

Der ehemalige Europaschüler Sebastian Pavia Perez ist jetzt Azubi von Uta Lanzke von der Gubener Haar- und Hautdesign GmbH.
Der ehemalige Europaschüler Sebastian Pavia Perez ist jetzt Azubi von Uta Lanzke von der Gubener Haar- und Hautdesign GmbH. FOTO: S. Halpick
Guben. Das Projekt "Praxislernen" der Gubener Europaschule ist ein Erfolgsmodell. Einen Tag pro Woche gehen die Neunt- und Zehntklässler in Unternehmen der Region und lernen den Berufsalltag kennen. Sebastian Pavia Perez hat so seinen Traumberuf gefunden: Er ist jetzt Friseurlehrling. Silke Halpick

"Ich hatte keine Vorstellungen, was ich werden soll", sagt Sebastian Pavia Perez. Der heute 17-Jährige mit blondem Pilzkopf steht an einer Modellpuppe, Schere und Kamm in der Hand. Seine Chefin Uta Lanzke steht hinter ihm und gibt hin und wieder Tipps. Sebastian Pavia Perez ist im zweiten Ausbildungsjahr zum Friseur - und glücklich damit. "Das ist genau mein Ding", betont er.

Seinen persönlichen Traumberuf hat der Gubener über das Projekt "Praxislernen" an der Europaschule gefunden. An der berufsvorbereitenden Oberschule, wie die Einrichtung selbst für sich wirbt, lernen Haupt- und Realschüler, Integrationsschüler mit besonderem Förderbedarf sowie Flüchtlingskinder.

Für die Neunt- und Zehntklässler geht es jeweils ein halbes Jahr lang jeden Freitag raus in die Betriebe der Region. Ziel ist, dass die Jugendlichen sich in unterschiedlichen Berufen ausprobieren und die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt kennenlernen. Das soll die Berufswahl erleichtern und die Chancen für die "Praktiker" unter den Schülern auf einen Ausbildungsplatz erhöhen.

"Mit mehr als 150 Unternehmen haben wir Kooperationsverträge geschlossen", erzählt Schulleiterin Berit Kreisig. Dazu gehören beispielsweise die Bäckerei Dreißig, der Polyestergarnhersteller Trevira, die Bauern AG Neißetal, die Gubener Wohnungsgesellschaft (Guwo), das Pflegeheim "Herberge zur Heimat", die Medizinische Einrichtungsgesellschaft des Naemi-Wilke-Stiftes, Popp-Fahrzeugbau oder die Gubener Haar- und Hautdesign GmbH, bei der Sebastian Pavia Perez jetzt lernt.

Das Praxislern-Projekt wird auch von den Unternehmen selbst positiv bewertet. "Wir nehmen gern Praktikanten, die sich für den Beruf interessieren", bestätigt Lanzke. Das ermögliche dem Arbeitgeber, den potenziellen Azubi schon im Vorfeld kennenzulernen sowie sein Talent und seine Persönlichkeit besser beurteilen zu können. "Bei einem Vorstellungsgespräch ist das kaum möglich", sagt sie.

Allerdings gibt es immer weniger Interessenten für den Friseurberuf, wie Lanzke bedauert. Sie selbst arbeitet seit 31 Jahren als Friseurin, seit 25 Jahren mit dem Meistertitel in der Tasche. Das Handwerk sei ein "schweres", das Geld "nicht leicht zu verdienen", räumt sie ein. "Friseur ist kein Beruf, sondern eine Berufung, es muss von Herzen kommen", sagt Lanzke. "Sonst klappt es nicht."

"Durchschnittlich zwei bis drei Schüler pro Jahrgang beginnen eine Ausbildung bei ihrem Kooperationsbetrieb", berichtet Schulleiterin Berit Kreisig. Ziel sei es, diese Zahl weiter zu erhöhen. In Sebastian Pavia Perez' Jahrgang, der 2015 die zehnte Klasse beendete, gab es insgesamt sechs Schüler, die bei ihrem Praktikumsbetrieb in die Lehre gingen. Derzeit besonders bei den Schülern nachgefragt sind Praktikumsplätze in Supermärkten wie bei der Einzelhandelskette Kaufland, die gleich zwei Filialen in Guben betreibt.

Die Praxislern-Tage sind für die Neunt- und Zehntklässler Pflicht. Die Schüler müssen sich im Vorfeld selbst ein Unternehmen aussuchen und sich bewerben. Rund 80 Prozent bleiben bei dem einmal gewählten Praktikumsbetrieb. Doch auch ein Wechsel ist möglich. "Die Schüler sind ganz anders motiviert", berichtet Kreisig. Wenn sich die Jugendlichen erst einmal für einen Beruf begeistern, wollen sie auch bessere Noten, um ihren Wunsch-Ausbildungsplatz zu bekommen.

"Ich liebe den Beruf und will ihn mein Leben lang machen", sagt auch Sebastian Pavia Perez. Den ersten Teil der sogenannten gestreckten Gesellenprüfung hat er bereits hinter sich. Ob er bestanden hat, erfährt der Gubener allerdings erst in den kommenden Wochen.

Zum Thema:
Einen möglichst frühzeitigen Kontakt zwischen Schule und Wirtschaft empfiehlt die Gießener Wirtschaftsprofessorin Uta Meier-Gräwe. Sie hat den aktuellen Sozialbericht für die Neißestadt erarbeitet. Ihr Fazit: Wer Fachkräfte an die Region binden will, muss damit schon im Grundschulalter anfangen. Neue Arbeitsplätze in Guben sieht sie vor allem im Sozial-, Gesundheits- und Dienstleistungsbereich.