Die „Bombe“ platzte am Dienstag gegen 19 Uhr: In der Sondersitzung der Gubener Stadtverordneten konfrontierte der Abgeordnete Ingo Ley (SPD) Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner mit einem Thema, dass Letztgenannter lieber noch als geheime Verschlusssache behandelt hätte. Ley erklärte, ihm sei bekannt geworden, dass „Körperwelten“ -Erfinder Gunther von Hagens im jetzt noch als Rathaus genutzten Gebäude an der Uferstraße Leichen plastinieren wolle und bereits erste Verträge unterzeichnet seien.
Das Stadtoberhaupt bestätigte dann auch, dass es Gespräche mit von Hagens gegeben habe. Verträge existierten aber noch nicht.
Die scheint es, wie die RUNDSCHAU gestern recherchierte, tatsächlich nicht zu geben. Fakt ist aber, dass die Angelegenheit schon weit herangereift ist.
Ausgangspunkt der Geschichte ist, dass von Hagens seine Aktivitäten im polnischen Sieniawa Zarska (Schönwald) nahe Zary (Sorau) aufgrund massiver Proteste der Einwohner und regionaler Politiker einstellen musste. Also suchte er nach einer Ausweichvariante. Kräftig unter die Arme griff dem Plastinator dabei der 72-jährige Wolfgang Teske. Der Gubener, der sich in der Neißestadt als Vorsitzender der Gesellschaft für Naturschutz und Landschaftsforschung Brandenburg einen Namen gemacht hat und sich gleichzeitig für den Erhalt alter Industriegebäude einsetzt, hatte von Hagens vor rund einem Jahr einen Brief geschrieben. Damals wurden die ersten Probleme des „Körperwelten“ -Erfinders in Polen laut. Teske schlug von Hagens als Ausweichquartier das ehemalige Werk IV der früheren Gubener Wolle vor. Und von Hagens reagierte prompt, rief Teske nur kurze Zeit später ein erstes Mal an.
Seit diesem ersten Telefonat hat sich einiges getan. Der Gubener und von Hagens halten regelmäßigen Kontakt. Teske hält den Plastinator stets auf dem aktuellen Stand der Entwicklung in Guben. Vor Ort machte sich dann zunächst von Hagens zuständiger Bauingenieur Hans Schiebl ein Bild von den Gegebenheiten. Inzwischen weilte von Hagens selbst zweimal in der Neißestadt. Ging es ihm zunächst nur um die Immobilie Gubener Wolle, ist inzwischen ein weiterer Gebäude im Gespräch: das jetzige Rathaus, das nach Fertigstellung des neuen Verwaltungssitzes an der Gasstraße leer stehen würde. Dieses zweite Objekt soll Bürgermeister Hübner dem Plastinator persönlich bei einem Rundgang durch das Haus angeboten haben.
Von Hagens hat inzwischen schriftlich offiziell Interesse am Erwerb beider Objekte bekundet. Er kann sich den Standort Guben nicht nur zur Fertigung der Plastinate gut vorstellen. Auch in puncto Forschung und Entwicklung sowie Lagerhaltung und Ausstellungsausrüstung könne Guben ein Standbein für seine weltweiten Aktivitäten werden. Und auch eine kleine Ausstellung spielt in den Überlegungen von Hagens eine Rolle. Insgesamt, so sei Fazit, finde er in Guben ein „ideales Investitionsareal“ vor.
Natürlich geht es auch um die Schaffung von Arbeitsplätzen. Um die 200 könnten es sein, ist Wolfgang Teske optimistisch. Gerüchte, wonach Teske Betriebsleiter werden solle, weist dieser zurück. „Das ist Quatsch. Dafür bin ich zu alt.“ Er sei nur ein wichtiger Ansprechpartner für von Hagens. Teske geht aber davon aus, dass schon in absehbarer Zeit Einigkeit erzielt werden könnte.
Optimistisch sind in dieser Hinsicht offenbar auch der Plastinator und der Bürgermeister. Beide vereinbarten bereits, im Falle der Einigung das Projekt gemeinsam auf einer Pressekonferenz zu präsentieren. Und von Hagens drängt dabei auf Tempo. So heißt es in einem Schreiben, das der Redaktion vorliegt: Da es sich für sein Institut um eine strategische Standortentscheidung handle, sei er an „einem möglichst baldigen Vertragsabschluss sehr interessiert“ .