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| 14:30 Uhr

Plastinarium in Guben
Diese Frauen lassen sich nach dem Tod plastinieren

 Sophie Kendrick (l.) und Ming Bou (M.) lassen sich an einem Plastinat, dass sich derzeit in der Bearbeitung befindet, von Rurik von Hagens die Plastination genau erklären.
Sophie Kendrick (l.) und Ming Bou (M.) lassen sich an einem Plastinat, dass sich derzeit in der Bearbeitung befindet, von Rurik von Hagens die Plastination genau erklären. FOTO: LR / Daniel Schauff
Guben. Zwei künftige Körperspenderinnen aus Großbritannien besuchen das Plastinarium in Guben und lassen sich zeigen, was mit ihnen nach dem Tod passieren wird. Auch Körperwelten-Erfinder Gunther von Hagens ist dabei. Von Daniel Schauff

„Vielleicht ist er ja hier“, sagt Ming Bou. Sie sitzt im Foyer des Gubener Plastinariums, hat gerade von ihrem verstorbenen Mann erzählt. Der habe seinen Körper den Gubener Plastinaten gespendet. Ming Bou wird das auch tun. Entschieden hat sie sich vor 17 Jahren, als sie Gunther von Hagens in China besucht hat.

Ming Bou, heute 74 Jahre alt, war eine von einer ganzen Gruppe Briten, die damals an von Hagens ehemalige Wirkungsstätte gereist sind, um sich über die Plastination zu informieren. Vier Mitglieder der damaligen Gruppe sind am Freitag im Plastinarium, treffen den Erfinder der Plastination, Gunther von Hagens, noch einmal, lassen sich von seinem Sohn Rurik durch das gesamte Gelände in der Uferstraße führen.

Allein das Gebäude, sagt Ming Bou, sei beeindruckend. Besonders, nachdem Rurik von Hagens über die Geschichte der ehemaligen Fabrik erzählt.

Sophie Kendrick ist ebenfalls nach Guben gereist. Damals in China war sie gerade einmal 21 Jahre alt, hat sich damals bereits entschieden, ihren Körper nach ihrem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Ganz genau schauen sie am Freitag den Mitarbeitern im Plastinarium über die Schultern, beobachten, wie sie die leblosen Körper auf den Tischen für die Plastination vorbereiten. Ein seltsames Gefühl?

Keine Zweifel an der Entscheidung

Nein, sagt Ming Bou. Ihr bedeute ein toter Körper nicht mehr viel. Das sei eben ein toter Körper, mehr nicht. Zweifel an ihrer Entscheidung hegt sie nicht, auch nicht, als sie eine Handbreit vor dem leblosen Körper steht.

Ähnlich geht es Sophie Kendrick. Ja, der Tod des Menschen tue ihr leid, eine Beziehung zur Leiche aber habe sie nicht. Es sei gut, wenn die noch einen Verwendungszweck für die Wissenschaft habe.

Ming Bou und Sophie Kendrick sind auch Organspender. Das schließt sich nicht aus mit einer Körperspende, sagt Rurik von Hagens. „Organe können Menschen retten“, erklärt er. Auch ohne Niere, Herz oder andere Organe seien Körper noch wertvoll für sein Unternehmen. Schließlich stellt das nicht nur Ganzkörperplastinate her, sondern auch Plastinate von Organen, Körperteilen.

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Die Angst ist weg

Kay Wadey und Tochter Fliss Holmes sind ebenfalls der Einladung von Gunther von Hagens gefolgt. Fliss war gerade einmal acht Jahre alt, als sie von Hagens in China besuchte. Ein Besuch, der ihre Einstellung zum Leben völlig verändert habe, sagt Mutter Kay. Die Angst vor dem Tod sei weg, erklärt Fliss Holmes.

Ein Organspendeskandal in Großbritannien hatte damals das Interesse an Gunther von Hagens Arbeit bei Kay Wadey geweckt. Mit ihrer Faszination für den Plastinator machte sie sich in der Heimat nicht nur Freunde.

Sie habe sich streiten müssen, ob von Hagens Arbeit ethisch vertretbar sei, sagt sie. Sie war überzeugt, dass von Hagens einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaft leiste. Körperspenderin ist Kay Wadey allerdings – bislang – noch nicht. Auch ihre Tochter hat noch nicht unterschrieben.

Der Wirbel um die Plastination ist schwächer geworden, sagt Rurik von Hagens, erzählt von den Protesten in Guben, als sein Vater die Gubener Plastinate eröffnete. „Die meisten der Gegner waren nie hier drin“, ist sich von Hagens sicher. Auch in Großbritannien waren von Hagens Körperweltenausstellungen stark umstritten, sagt Kay Wadey. Verstanden hat sie das nie.

In zwei Stunden sehen die Gäste aus Großbritannien nur einen Bruchteil des riesigen Geländes an der Uferstraße. Rurik von Hagens hat sich den ganzen Tag Zeit genommen, beantwortet jede Frage der beiden Körperspenderinnen von der Insel. Gerade einmal 162 Körperspender gibt es dort. Zum Vergleich: In Deutschland sind es fast 18 000.

Gerichtsentscheid in Berlin

Ming Bous Ehemann gehört zu den fünf britischen Körperspendern, die bereits verstorben sind. Erfahren, ob sie ihn in Guben sieht, wird Ming Bou nicht. Die Identität der Verstorbenen bleibt geheim – Persönlichkeitsschutz.

Vor zwei Jahren entschied allerdings das Berliner Verwaltungsgericht, dass jedem Exponat eine Einwilligungserklärung zugeordnet werden können muss. Seitdem können zumindest Mitarbeiter des Plastinariums die Exponate den verstorbenen Menschen zuordnen.

Die vier Gäste aus Großbritannien bleiben noch ein paar Tage in Deutschland. Am Samstag, sagt Kay Wadey, geht es nach Berlin. „Raten Sie, wohin“, sagt sie. Erste Station: Alexanderplatz, Gunther von Hagens Menschen-Museum.