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| 17:08 Uhr

Archäologie
Tagebau „frisst“ Pechofen

Archäologe Marcus Schneider zeigt auf die Umrisse des Pechofens. Mit Fortschreiten des Tagebaus Jänschwalde wird dieses Zeugnis menschlicher Besiedlung umgebaggert.
Archäologe Marcus Schneider zeigt auf die Umrisse des Pechofens. Mit Fortschreiten des Tagebaus Jänschwalde wird dieses Zeugnis menschlicher Besiedlung umgebaggert. FOTO: LR / Silke Halpick
Grießen. Am Sonntag ist Tag des offenen Denkmals. Ein ganz besonderes ist der Pechofen auf dem Tagebau Jänschwalde. Doch mit dem Fortschreiten der Bagger wird das Zeugnis menschlicher Besiedlung zerstört. Von Silke Halpick

Mit dem Jeep geht es in schnellem Tempo über das Vorfeld für den Tagebau Jänschwalde. Gefällte Bäume, totes Land. Quasi im Dreiländereck, wo sich die Gemarkungen von Grießen, Taubendorf und Jänschwalde treffen, stoppt Marcus Schneider. Der Archäologe steigt aus und geht mit großen Schritten auf den Pech­ofen zu. „Relativ gut erhalten“ ist der Meiler aus Sicht des Experten. Im Sand zu erkennen ist ein Ring mit einem Durchmesser von rund 2,5 Metern; Überreste des doppelwandigen Kuppelofens. „Hier wurde das Holz aufgestapelt und luftdicht verschlossen“, erklärt Schneider. Bei Temperaturen um 400 Grad wurde es verschwelt.

Den Pechmeiler gefunden haben die Archäologen des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege bei ihrer Untersuchung des Tagebauvorfeldes. 60 bis 80 Hektar nehmen die Experten im Laufe eines Jahres im Bergbaurevier unter die Lupe. Manchmal geben schon die Holzfäller Hinweise auf mögliche Fundorte.

Am Tag des offenen Denkmals will das Landesdenkmalamt auch über seine Arbeit als Vorhut der Kohlebagger informieren. Eine Poster-Ausstellung soll einen zeitlichen Überblick über die wissenschaftlichen Untersuchungen sowie die wichtigsten Fundstücke geben.

Als Sensationsfund auf dem Gelände des Tagebaus gelten vor fünf Jahren entdeckte Knochenreste eines Pferdes sowie Schlag- und Kernsteine, die Neandertaler vor rund 130 000 Jahren benutzt haben. Das ist der bislang älteste Nachweis menschlichen Lebens in Brandenburg. Die Fundstücke sind jetzt im Archäologischen Landesmuseum im Paulikloster in Brandenburg an der Havel ausgestellt.

Der Pechofen ist wesentlich jünger. Auf Anfang der 1900er-Jahre schätzt ihn Schneider. Der Meiler ist von einem Malhügel überlagert, mit dem früher Gemarkungen gekennzeichnet wurden. Darin fanden die Archäologen eine Glasflasche, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellt wurde. Die Untersuchungen laufen noch, wie Schneider einräumt. Unterstützt werden die Archäologen von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin.

Unklar ist, was in dem Pechofen tatsächlich produziert wurde. Zur klassischen Produktpalette gehören Teer, Holzpech und Holzessig. Benötigt werden diese Materialien in vielen Lebensbereichen – vom Holzschutzmittel, über Schiff- und Straßenbau bis hin zu Wagenschmiere.

Auf Wagenschmiere tippt auch der Archäologe. Seine Argumentation: Der Jänschwalder Forst war eines der großen Holzmeilerwälder Europas. Mit riesigen Mengen Holzkohle wurde auch das Hüttenwerk in Peitz beliefert. Die Fuhrwerke, die hier unterwegs waren, brauchten dringend Wagenschmiere.

Die Überreste des Pechofens sollen nun geborgen und im Depot des Landesdenkmalamtes in Wünsdorf (Teltow-Fläming) gelagert werden, wie Schneider informiert. Viel Zeit bleibt den Experten nicht. Die Bagger des Tagebaus rücken näher und näher. Möglicherweise ist der Fundort schon im nächsten Jahr in der Grube verschwunden.

Aus archäologischer Sicht ist der Tagebau trotzdem ein Glücksfall. Nirgendwo sonst könne man so umfänglich Spuren menschlicher Besiedlung erforschen, begründet Schneider. Herausgefunden haben die Experten beispielsweise, dass die Bauern ihre Felder in der Hochfläche des Taubendorfer Sanders aufgaben und Richtung Neiße gezogen sind. Die Böden dort waren lehmiger und wesentlich ertragreicher.