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Kriminalität
Braucht Grießen eine Bürgerwehr?

In Grießen herrscht Angst vor organisierter Kriminalität. Foto: S. Halpick
In Grießen herrscht Angst vor organisierter Kriminalität. Foto: S. Halpick FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Grießen. Ortsvorsteher Hartmut Fort will eine Dorfwache, um der Grenzkriminalität zu begegnen. Silke Halpick

Ob sie nun Dorfwache oder Bürgerwehr heißt – das ist dem Grießener Ortsvorsteher Harmut Fort völlig schnuppe. Ihm geht es um die Sache. Seit einem Dreivierteljahr gibt es vermehrt Einbrüche im Dorf, sagt er. Die Polizei sei offenbar machtlos. Deshalb sieht er nur einen Ausweg: Die Einwohner müssen sich selbst helfen. Als Beispiel berichtet er von seiner 80-jährigen Nachbarin, die sich im Garten aufgehalten habe und währenddessen von einem Gaunerpaar ausgeraubt wurde. Diese Geschichte sei kein Einzelfall. Konkrete Zahlen hat er zwar nicht parat. Doch der Dachdeckermeister befürchtet, dass sein Dorf ins Visier von professionellen Einbrecherbanden geraten ist. Dafür spricht seiner Meinung nach auch folgende Beobachtung: Ein älterer Herr spaziere regelmäßig durchs Dorf und fotografiere  Grundstücke und Gehöfte, berichtet Fort. Auf die Frage, wer er sei und weshalb er die Bilder mache, gebe er keine Auskunft. „Später steigt er in ein Auto mit polnischem Kennzeichen“, sagt der Ortsvorsteher.

Aufgrund der zugespitzten Lage soll es am Montag ab 18.30 Uhr, im Gemeindezentrum eine Einwohnerversammlung zum Thema Grenzkriminalität geben. Eingeladen dazu ist die Polizei. Die Präventionsbeauftragte Kati Prajs, die derzeit mit ihrer Kampagne „Zuhause sicher“ durch die Region tourt, wird Tipps zum Einbruchschutz geben. Von den Revierpolizisten aus Peitz, zu deren Einzugsgebiet Grießen gehört, erwartet Hartmut Fort hingegen Antworten auf seine Fragen.

Hartmut Fort, Ortsvorsteher von Grießen Archivfoto: Wendler
Hartmut Fort, Ortsvorsteher von Grießen Archivfoto: Wendler FOTO: Wendler

Für den ihn steht fest, dass Grießen und andere Dörfer entlang der deutsch-polnischen Grenzen längst „abgehängt“ sind und sich auch die Politik nicht mehr für die Sorgen und Nöte der Menschen hier interessiert. „Wenn der Staat nicht mehr für Recht und Ordnung sorgt, müssen wir das selbst machen“, sagt er. Bereitschaftserklärungen, bei einer Bürgerwehr mitzumachen, gebe es schon – auch vonseiten der Jäger.

„Objektiv gibt es keinen Grund für eine Bürgerwehr“, hält Ines Filohn, Pressesprecherin der Polizeidirektion Süd, dagegen. Laut amtlicher Kriminalstatistik gab es 2016 insgesamt 16 Straftaten in Grießen. Im laufenden Jahr habe sich die Zahl der Delikte nochmals halbiert. Zu den registrierten Straftaten gehören auch eine Brandstiftung, ein Verstoß gegen das Waffengesetz sowie eine Betrugshandlung. „Einen gestohlenen Traktor konnte die Polizei schon wieder im nahe gelegenen Sacro sicherstellen“, betont Filohn. Der Diebstahl in einem Wohnhaus hätte sich möglicherweise verhindern lassen, wenn das Gebäude abgeschlossen gewesen wäre. Filohn warnt vor dem Aufstellen einer Bürgerwehr, die „völlig fehl am Platze“ sei, auch weil damit erfahrungsgemäß die Stimmung angeheizt werde und es auch untereinander zu Streit kommen könne.

Die Stadt Guben hatte Ende 2014 eine Stadtwache aufgestellt – wegen der sprunghaft gestiegenen Straftaten und der zunehmenden Verunsicherung der Menschen. Rathaus-Mitarbeiter sind damals während ihrer Dienstzeit auf Streife gegangen. Die Teilnahme war freiwillig. Die Maßnahme war mit der Polizei abgestimmt.Doch die Stadt musste auch viel Kritik für ihr Stadtwache-Modell einstecken.

Grundsätzlich haben Bürgerwehren oder Nachbarschafts-Patrouillen einen schlechten Ruf, weil sich hier oft auch Personen mit rechter Gesinnung wiederfinden. Handeln dürfen die Mitglieder wie jeder Bürger nur nach dem Jedermannsrecht. Das heißt: Straftäter können lediglich festgehalten werden, bis die Polizei kommt. Die dabei eingesetzten Mittel müssen verhältnismäßig sein. Wird beispielsweise eine Person irrtümlich festgehalten, kann das zur Anklage wegen Freiheitsberaubung führen.