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Besuch im Gubener Rathaus
OB-Nachfahren aus Israel in Guben

Judith Isseroff hat auch die Dr.-Glücksmann-Straße in der Gubener Sprucke besucht, die nach ihrem Großvater benannt ist.
Judith Isseroff hat auch die Dr.-Glücksmann-Straße in der Gubener Sprucke besucht, die nach ihrem Großvater benannt ist. FOTO: privat
Guben. Zwei Nachfahren des früheren Gubener Oberbürgermeisters Dr. Alfred Glücksmann (1875-1960) haben in dieser Woche Guben besucht. Dafür haben sie den weiten Weg aus Israel auf sich genommen. Von Bernhard Schulz

Der amtierende Bürgermeister Fred Mahro hat in dieser Woche im Rathaus zwei Nachfahren des früheren jüdischen Gubener Oberbürgermeisters Dr. Alfred Glücksmann (1875-1960) empfangen. Aus Israel waren Glücksmanns Enkeltochter Judith Isseroff (83) und Ur-Ur-Enkel Dor Isseroff (28) erstmals in die Neißestadt gereist.

Hintergrund des Besuchs war eine kürzliche Zufallsbegegnung mit einem gebürtigen Gubener, in dessen Folge mehrere private Gastgeber die Ahnen in die frühere Heimatstadt ihrer Familie einluden. „Ich bin völlig überwältigt von der Stadt Guben mit ihren schönen, alten Häusern und freue mich, hier so herzlich aufgenommen zu werden“, sagt die in Tel Aviv lebende Judith Isseroff in der Gubener Stadtverwaltung. Dort hatte sie Rathaus-Chef Mahro an den kleinen Gedenktafeln der früheren Bürgermeister im Service-Center begrüßt. Zuvor besichtigten die Gäste bereits die nach dem einstigen Stadtoberhaupt benannte Dr.-Glücksmann-Straße in der Sprucke und im Weiteren auch das ehemalige Wohnhaus der Glücksmanns in der ehemaligen Wilhelmstraße 1 im heutigen Gubin. In der Verwaltung tauschte man sich anschließend über die aktuelle Situation in der Doppelstadt und die bewegte Familiengeschichte der Glücksmanns aus.

Auf die Spuren des von 1912 bis 1924 regierenden Oberbürgermeisters Dr. Alfred Glücksmann hatte sich zuvor auch das Gubener Stadtarchiv begeben. Archivmitarbeiterin Evelin Richter erklärte der Nachfahrin Judith Isseroff im persönlichen Gespräch die spärliche Aktenlage, konnte jedoch anhand von Adressbüchern der 1920er-Jahre sowie historischen Kartenmaterials das Leben ihres Großvaters anschaulich belegen. Der 83-Jährigen selbst sei ihr Opa noch aus Kindertagen und von ihrer letzten Begegnung in Wilhelmsfeld bei Heidelberg im Jahr 1954 in lebhafter Erinnerung, erklärt sie.

Über das beeindruckende Leben und Wirken von Dr. Alfred Glücksmann im Magistrat der Stadt Guben sowie darüber hinaus gibt unter anderem eine Dokumentation im Gubener Heimatkalender von 1993 Auskunft. In der zwölfjährigen Amtsperiode meisterte der promovierte Jurist und einzige jüdische Bürgermeister Gubens viele Herausforderungen, die vor allem der Erste Weltkrieg mit sich brachte, sorgte aber zugleich für die Modernisierung des Stadtbildes. In die Zeit seines Wirkens in Guben fallen beispielsweise der Bau einer Volksschule, der Ankauf einer turbinengetriebenen Elektrizitätsanlage für die Stadt (1912), die Gründung der Philharmonischen Gesellschaft (1913), die Schaffung eines Säuglingsheims (1914), die Erweiterung eines städtischen Armenhauses und Einrichtung von Kriegsküchen (1916), der umfassende Siedlungsausbau in der Sprucke (1920) oder auch der Bau der massiven, großen Neißebrücke (1922). Nach seinen Gubener Jahren wirkte er in Zusammenarbeit mit Dr. Wilhelm Külz (1875-1948), Reichsinnenminister der Weimarer Republik, in Berlin.

Glücksmann war verheiratet mit einer Schwester des berühmten Chemikers und Nobelpreisträgers Fritz Haber (1868-1934). Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. So auch die Mutter von Judith Isse­roff, Hedwig Luise, die beim Philosophen Martin Heidegger (1889-1976) promoviert hat. Die Zeit des Nationalsozialismus verlief für die jüdische Familie Glücksmann tragisch, da mehrere Angehörige in einem Konzentrationslager umgebracht wurden. Alfred Glücksmann selbst überlebte, indem er nach Palästina auswanderte. 1948 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1960 im baden-württembergischen Odenwald.

Die „Heimat im Herzen“ habe Alfred Glücksmann nie ganz losgelassen und an die schöpferischen Jahre in Guben habe er gern zurückgedacht, erinnert sich Enkelin Judith Isseroff. Ihr selbst wird nun der Besuch der Neißestadt unvergesslich bleiben: „Im Leben hätte ich nicht geglaubt, dass mir noch so eine berührende Sache widerfährt – ich hoffe in einigen Monaten wieder Guben besuchen zu können“, sagt sie zur Verabschiedung.