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Noch immer Angst vor jedem Regen und Gewitter

Guben.. Vor fast genau einem Jahr wurden Menschen an der Elbe und kleinen, friedlichen Nebenflüssen vom Hochwasser überrascht. Julia Becker, Geschäftsführerin des Hochhaus-Hotels in Guben, lebte bis vor kurzem am Rhein. Die 30-Jährige weiß, was ein Hochwasser anrichten kann. J. Pozar

Als sie erfuhr, dass ihre Heimatregion Hochwassergeschädigten in Flöha half, kam ihr der Gedanke, einige Flöhaer nach Guben einzuladen. Am Montag nun kamen neun Frauen und Männer aus Flöha in der Neißestadt an. Alle waren von der Einladung überrascht, freuen sich. Ausflugspläne in die Region gibt es zur Genüge.
Die Kleinstadt Flöha bedrohten im August 2002 die Flöha und die Zschopau. Die Stadt versank im Wasser, die Infrastruktur brach zusammen. "Totenstille, nachdem das Wasser wieder weg war. Kein Vogel zwitscherte, so, als ob die schon vorher das Böse ahnten. Sie konnten flüchten, wir nicht", sagt Gisela Seidler, die direkt an der Flöha wohnt. Sie ist heute noch wütend, dass "uns keiner vor der Katastrophe gewarnt hat". Das Wasser stand über einen Meter hoch im Haus. Der Garten war nach dem Wasserrückzug vollkommen verschlammt.
„In dem Moment, in dem die Flutwelle auf einen zukommt, denkt man zuerst daran, die Papiere zu retten. Hat man die Zeit, doch noch etwas in Sicherheit zu bringen, nimmt man das mit, was einen zuerst in die Finger kommt“ , erinnert sich Marion Hentsch noch immer sichtlich bewegt.
Brunhilde und Alfred Reutner zogen erst vor fünf Jahren nach Flöha. "Vorher wohnten wir in Mittweida, dort wären wir vom Hochwasser verschont geblieben. Jetzt haben wir alles verloren", sagt Brunhilde Reutner. Sie sieht noch vor sich, wie das Wasser angeschossen kam. "Wo die Wassermassen so schnell herkamen, konnte sich keiner erklären", fügt ihr Mann hinzu. Innerhalb von zehn Minuten stieg das Wasser auf einen Meter an, berichten die beiden. Sie flüchteten in die obere Wohnung ihrer Kinder.
Heute wohnen sie in einer anderen Wohnung, nachdem sie für etwa zwei Wochen in der Flöhaer Apotheke unterkamen. Doch auch in ihrer neuen Wohnung machten sich Wasserschäden bemerkbar. Die Tapete begann sich zu lösen.
Überwältigt waren die Flöhaer von der Hilfe, die ihnen nach der Katastrophe entgegengebracht wurde. Die Menschen hielten zusammen, halfen sich gegenseitig. „Ohne Unterstützung von außen hätten einige von uns aufgegeben“ , ist sich Marion Hentsch sicher. "Tagsüber wuchs man über sich hinaus, spürte keine Schmerzen, keine Müdigkeit. Erst nachdem wir etwas Ruhe hatten, merkten wir, dass wir uns eigentlich gar nicht mehr bewegen konnten", sagt sie nachdenklich. Bei den Aufräumarbeiten fehlte es an allem. "Es war ja alles weg. Wir hatten kein Werkzeug, keine Schaufeln, keine Besen, keine Karren. Einkaufen konnten wir auch nichts, die Läden waren ja auch weg", erinnern sich die Flutopfer.
Inzwischen ist in Flöha wieder weitgehend Normalität eingekehrt. Doch Marion Hentsch berichtet, dass viele Menschen immer noch traumatisiert sind. Bei jedem Regen oder Gewitter breite sich Angst vor einem erneuten Hochwasser aus. "Das mächtige Rauschen der Flöha zusammen mit dem Motorenlärm der Hubschrauber werden wir nie vergessen", sagt sie mit zittriger Stimme.