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Naemi-Wilke-Stift holt sich Ideen für Versorgung im Grenzgebiet

2011 schlug Gottfried Hain "Nägel mit Köpfen" ins Dach des neuen Anbaus. Nun wollen er und seine Kollegen auch "Nägel mit Köpfen" machen, wenn es darum geht, das Krankenhaus auch jenseits der Neiße zu einer unentbehrlichen Einrichtung zu machen.
2011 schlug Gottfried Hain "Nägel mit Köpfen" ins Dach des neuen Anbaus. Nun wollen er und seine Kollegen auch "Nägel mit Köpfen" machen, wenn es darum geht, das Krankenhaus auch jenseits der Neiße zu einer unentbehrlichen Einrichtung zu machen. FOTO: Naemi-Wilke-Stift
Guben/Gmünd. Angenommen, ein älterer Herr kippt am polnischen Neißeufer um. Herzinfarkt. Ein paar Meter weiter, fast in Sichtweite, liegt das Gubener Krankenhaus. Statt allerdings dort notfallversorgt zu werden, geht es für den Patienten ins nächste polnische Krankenhaus – die Fahrt dauert gut und gerne eine Dreiviertelstunde, während der Transport ins Gubener Wilkestift gerade einmal ein paar Minuten in Anspruch nehmen würde. Daniel Schauff

Es wird Zeit, dass sich das ändert, haben die Verantwortlichen im Wilkestift entschieden und sich um eine Förderung für das Projekt "Gesundheit ohne Grenzen" beworben. Einerseits soll das Stift Schritt für Schritt zu einem deutsch-polnischen Krankenhaus werden, andererseits soll eine Machbarkeitsstudie entstehen, mit deren Hilfe die Möglichkeiten einer grenzüberschreitenden Notfallversorgung im Naemi-Wilke-Stift ausgelotet werden sollen.

Die Fördermittel aus dem Interreg-Topf sind mittlerweile zugesagt, seit drei Monaten läuft das Projekt, Ende Juni hat eine Delegation aus Guben eine wichtige Reise unternommen ins österreichische Gmünd.

Im dortigen Landeskrankenhaus nämlich ist die grenzüberschreitende Notfallversorgung bereits Realität. Der tschechische Notfallpatient aus Ceske Velenice darf in Gmünd versorgt werden. Fahrtzeit: sechs Minuten. Dort sei die "grenzenlose Gesundheit" bereits so fortgeschritten, dass sie auch auf tschechischer Seite kaum noch thematisiert werde, berichtet Wilkestift-Verwaltungsdirektor Gottfried Hain. "Wie groß die Bedeutung dieser grenzüberschreitenden Versorgung ist, zeigt sich, wenn man die Frage stellt, was wäre, wenn es diese Möglichkeiten nicht oder nicht mehr gäbe", zitiert Hain den Bürgermeister von Ceske Velenice, Jaromir Sliva.

Ganz praxisorientiert konnte die Delegation, zu der auch Spree-Neiße-Landrat Harald Altekrüger (CDU) als Präsident der deutschen Euroregion Spree-Neiße-Bober und sein polnischer Amtskollege Czeslaw Fiedorowicz sowie der amtierende Gubener Bürgermeister Fred Mahro und sein Gubiner Amtskollege Bartlomiej Bartczak gehörten, erfahren, dass die Sprachbarrieren in Gmünd mithilfe eines internetbasierten Dolmetscherdienstes überwunden wird. Per Videoanruf werden Übersetzer zugeschaltet. Man wolle nun prüfen, so Gottfried Hain, ob eine ähnliche Technik auch in Guben einsetzbar wäre. Zu einem späteren Zeitpunkt, so kündigt der Verwaltungsdirektor an, würden zwei Mitarbeiterinnen des Wilkestifts zu einer Hospitation nach Gmünd entsandt, um die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung aus nächster Nähe zu erleben.

Auch die Unternehmen in den Industriegebieten auf tschechischer und österreichischer Seite sähen eine nah gelegene Gesundheitsversorgung als wichtigen Standortfaktor, ergänzt Hain. Vor Ort sei man mit verschiedenen Gewerbetreibenden ins Gespräch gekommen.

Eine grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung und die damit verbundene Steigerung der Lebensqualität, sagt Hain, sei nur möglich, wenn Akteure und Politik gemeinsam alle vorhandenen Möglichkeiten weiterentwickelten - und dann Nägel mit Köpfen machen.

Zum Thema:
Das vom Wilkestift initiierte EU-Projekt "Gesundheit ohne Grenzen" wird mit gut 450 000 Euro aus dem Interreg Va-Topf unterstützt. Die Zusage über die Fördermittel kam Ende des vergangenen Jahres. Am 1. April startete das Projekt und soll bis Ende März 2020 laufen. Neben der Machbarkeitsstudie zur grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung sollen im Wilke-Stift darüber hinaus Sprachbarrieren für polnische Patienten abgebaut und ein Wissenstransfer über die Neiße hinweg angeschoben werden.