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"Mr. Karstadt" sucht Raritäten

Das Karstadt-Warenhaus in der Königstraße steht heute nicht mehr.
Das Karstadt-Warenhaus in der Königstraße steht heute nicht mehr. FOTO: Archiv Bergt
Bremen/Guben. Der Bremer Speditionskaufmann Holger-Philipp Bergt (50) ist ein Sammler aus Leidenschaft. Das Objekt seiner Begierde sind Relikte der Karstadt-Kaufhauskette. Nun hofft er, auch in Guben fündig zu werden. Auf der polnischen Seite der Doppelstadt gab es einst eine Karstadt-Filiale. Silke Halpick

Von seinen Freunden wird Holger-Philipp Bergt "Mr. Karstadt" genannt. Doch das macht ihm nichts aus. Im Gegenteil: Er findet den Titel "witzig". Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich der Speditionskaufmann mit dem Warenhauskonzern und sammelt alles, was ihm dazu in die Finger kommt. Mehr als 80 Karstadt-Ordner stehen bei ihm zu Hause in Bremen, in einer Vitrine Raritäten. Daneben gibt es unzählige Fotos, Zeichnungen und Werbeplakate. "Alles zusammen würde locker 50 bis 60 Umzugskartons füllen", erzählt er. Zu seinen erklärten Lieblingsstücken gehört ein großes Emailleschild von Karstadt- Stettin aus den 1920er-Jahren.

Bei seinen Recherchen im Karstadt-Archiv stieß er auch auf die Gubener Filiale. "Karstadt in Guben wurde vermutlich unter dem Namen ‚Lindemann & Co.' gegründet", sagt Bergt. Im Jahr 1929 übernahm die Rudolph Karstadt AG das Unternehmen Lindemann mit seinen insgesamt 19 Standorten, darunter auch das Haus in Guben. Ein paar Jahre später - 1931/32 - geriet Karstadt infolge der Weltwirtschaftskrise selbst in existenzielle Schwierigkeiten, 22 Filialen wurden geschlossen oder verkauft. "Einige der kleineren Häuser wurden unter dem Namen ‚Karzentra' mit gestrafftem Sortiment neu aufgestellt, darunter auch Guben", berichtet der Hobbyhistoriker.

Seinen Nachforschungen zufolge bestand das Gubener Kaufhaus in der Königstraße 16 bis 17 bis Kriegsende, hatte eine Verkaufsfläche von 1077 Quadratmetern und erzielte mit 94 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von knapp 1,6 Millionen Reichsmark. Laut Karstadt-Chronik "fiel das Haus Guben einmarschierenden Polen zum Opfer und brannte aus", zum 1. Januar 1945 wurde es offiziell enteignet und das Gebäude später abgerissen.

"Vom ehemaligen Karstadt-Warenhaus in Guben gibt es außer zwei, drei Fotografien leider kaum irgendwelche Relikte", bedauert Bergt. Er vermutet aber, dass trotz der Zerstörung Gubens 1945 und der anschließenden Teilung der Stadt noch immer alte Holzkleiderbügel, Werbebeilagen oder andere Dokumente aus der Warenhauszeit zwischen 1929 und 1945 vorhanden sind. "Gerade Holzkleiderbügel überleben in den Schränken ja sozusagen generationsübergreifend", erzählt er. Nach Raritäten, die seine umfangreiche Privatsammlung bereichern sollen, ist er auf der Suche.

Die Jagd nach solchen Fundstücken macht dem Bremer Spaß. "Dabei lernt man interessante Menschen kennen und erlebt mitunter unglaubliche Geschichten", erzählt er. Seine Raritäten stellt er auch aus. Anlässlich des 135. Karstadt-Jubiläums in diesem Jahr gab es Ausstellungen mit Exponaten aus seinem Archiv in Bremen, Wismar, Limburg an der Lahn und Augsburg.

Auslöser für seine Sammelleidenschaft war ursprünglich das Interesse an der Warenhaus-Architektur im Karstadt-Stil. Die Gubener Filiale stammt seinen Vermutungen nach aus der Feder des Potsdamer Architekten Carl Schmanns. Ganz charakteristisch seien die "klaren Strukturen" und der "Vertikalismus". Diese hochstrebende Architektur verleihe den Häusern "Leichtigkeit" und stehe quasi als Corporate Identity für die Philosophie des Unternehmens, wie Bergt findet.

Zum Thema:
Rudolph Karstadt gründete 1881 sein erstes Geschäft in Wismar und legte den Grundstein für die Warenhauskette. 2009 stellte die Karstadt-Quelle AG einen Insolvenzantrag. 2014 übernahm die Signa Holding das Unternehmen.Wer Fundsachen oder Erinnerungen an Karstadt Guben beisteuern kann, erreicht Holger-Philipp Bergt unter 0163 8412300.