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Mr. Karstadt findet neue Raritäten

Holger-Philipp Bergt sammelt Karstadt-Raritäten wie den Mitarbeiterausweis sowie die Jubiläumsausgabe von 1936, die aus Guben stammen.
Holger-Philipp Bergt sammelt Karstadt-Raritäten wie den Mitarbeiterausweis sowie die Jubiläumsausgabe von 1936, die aus Guben stammen. FOTO: ZVG
Guben. "Ich bin begeistert", sagt Holger-Philipp Bergt. Der Bremer Speditionskaufmann wird von seinen Freunden "Mr. Karstadt" genannt. Silke Halpick

Nicht ohne Grund: Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt er sich mit dem Warenhauskonzern und sammelt alles, was ihm dazu in die Finger kommt. Jetzt bereichern auch Gubener Raritäten seine Sammlung. Zwei Zeitungen aus den Jahren 1931 und 1936, ein Mitarbeiter-Ausweis sowie ein Kleiderbügel aus der Stettiner Filiale kamen nach einem RUNDSCHAU-Aufruf im Oktober 2016 zusammen.

"Das ist wirklich erstaunlich", betont Bergt. Das einstige Lindemann-Warenhaus, das 1929 von der Rudolph Karstadt AG übernommen wurde und seit 1932 unter dem Namen "Karzentra" lief, stand im heute polnischen Teil der Stadt. Ende des Zweiten Weltkrieges fiel es laut Karstadt-Chronik "einmarschierenden Polen zum Opfer" und "brannte aus". Das seien eher "schwierige Umstände" für Sammler, wie Bergt einräumt. Doch er hatte Glück.

"Mein Vater war Abteilungsleiter bei Karstadt", erzählt die Gubenerin Ingrid Wolgast. Mehr als zehn Jahre habe er für das Warenhaus gearbeitet. 1941 sei er allerdings in die Kriegsproduktion bei Rheinmetall Borsig in Guben versetzt worden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges habe er die Handelsorganisation (HO) in Guben mit aufgebaut. "Unter seinen neuen Kollegen waren auch viele ehemalige Karstadt-Mitarbeiter", sagt Wolgast.

Aus ihrem privaten Fundes übergibt sie dem Karstadt-Experten den Mitarbeiterausweis ihres Vaters. "Mit dem gab es damals zehn Prozent Rabatt beim Einkaufen. Das ist auch heute noch so bei Karstadt", sagt Bergt. Über die Jubiläumsausgabe aus dem Jahr 1931 freut er sich besonders. "Diese habe ich bisher nur im Karstadt-Archiv in Essen gesehen", begründet er. Darin zu finden ist auch ein Bild des Gubener Warenhauses und der Verweis, dass Karstadt mit der Übernahme von insgesamt 15 ehemaligen Lindemann-Filialen seine Marktposition in Richtung Osten und Südosten ausgebaut habe.

Einen Glückwunsch zum zehnjährigen Dienstjubiläum von Ingrid Wolgast' Vater fand der Karstadt-Experte beim Durchblättern der Mitarbeiterzeitung aus dem Jahr 1936. "Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, warum er ausgerechnet diese Ausgabe aufgehoben hat", berichtet Bergt.

Die neuen Gubener Fundstücke sollen demnächst auch der Öffentlichkeit präsentiert werden. Zum 115-jährigen Bestehen der Karstadt-Filiale in Bremen sei im Oktober 2017 eine Ausstellung mit Exponaten aus seiner Sammlung geplant, erzählt Bergt. Gerade erst abgebaut wurde eine Schau in Wismar, dem einstigen Gründungshaus. Hier hatte Rudolph Karstadt im Jahr 1881 sein erstes Geschäft eröffnet und damit den Grundstein für die Warenhauskette gelegt, die seit 2014 zur Signa Holding gehört. "Wismar ist zwar die kleinste Filiale im Unternehmen, aber eine der erfolgreichsten", sagt Bergt.

Auslöser für seine Sammelleidenschaft war zunächst die Liebe zur Karstadt-Architektur mit seinen "klaren Strukturen" und dem modernen, nüchternen Stil. Damals liebäugelte der Bremer sogar mit einem Architekturstudium. Mittlerweile füllt seine Karstadt-Sammlung rund 90 Aktenordner. Besondere Raritäten stehen in der Vitrine in seiner Wohnung in Bremen. Für die unzähligen Fotos, Zeichnungen und Werbeplakate bräuchte man 50 bis 60 Umzugskartons, schätzt Bergt.

Zum Thema:
Das Gubener Kaufhaus (siehe Foto) hatte eine Verkaufsfläche von 1077 Quadratmetern. Mit seinen 94 Mitarbeitern erzielte es zuletzt einen Umsatz von 1,6 Millionen Reichsmark. Das Haus stammt höchstwahrscheinlich aus der Feder des Potsdamer Architekten Carl Schmanns, der von 1905 bis 1913 mehrere Kaufhausbauten für den ersten Eigentümer Paul Lindemann entworfen hatte.