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| 10:40 Uhr

Gesellschaft
Mit viel Herzblut für Guben

Zur Stammbesetzung in der RedeReise gehören Heike Clodius (l.), Anne Bischoff (2.v.l.) und Krankenhaus-Seelsorger Michael Voigt.
Zur Stammbesetzung in der RedeReise gehören Heike Clodius (l.), Anne Bischoff (2.v.l.) und Krankenhaus-Seelsorger Michael Voigt. FOTO: LR / Silke Halpick
Guben. Im Wilkestift gibt es eine einzigartige Veranstaltungsreihe für Patienten und Einwohner.

Nachrichten deprimieren ihn eigentlich nur noch, räumt Michael Voigt, Krankenhaus-Seelsorger im Naemi-Wilke-Stift, ein. „Europa treibt auseinander, dem Klima geht’s schlecht, die Koalition droht zu platzen“, sagt er. Für Heike Clodius’ Geschmack sind viele Beiträge im Fernsehen und in der Zeitung zu oberflächlich. Es ärgert sie beispielsweise maßlos, dass Angela Merkel nur noch alt und abgearbeitet auf den Fotos zu sehen ist. Ist das Meinungsmache?, fragt sie.

„Der Einfluss der Medien“ ist das Thema der jüngsten RedeReise im Gubener Naemi-Wilke-Stift. Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Kultur im Stift“, die im Jahr 2001 gestartet ist. Einmal wöchentlich – immer mittwochs um 19 Uhr – gibt es Veranstaltungen im Krankenhaus, die Patienten, Mitarbeiter und auch alle Gubener ansprechen sollen.

„Hintergrund ist, dass auch Krankenhauszeit Lebenszeit ist, und die wollten wir inhaltlich mit Angeboten mitgestalten“, sagt Stefan Süß, Rektor des Wilkestiftes. Ein kleiner Kreis von Ehrenamtlichen plant die Veranstaltungen für das jeweilige Quartal. Auch er selbst sitzt in diesem Gremium. Die Formate haben sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt.

Die RedeReise ist beispielsweise ein offenes Gesprächsforum. „Die Themen ergeben sich meist von ganz allein im Rahmen der Diskussion“, erzählt Anne Bischoff. Die Erzieherin gehört quasi zu den Gründungsmitgliedern und liebt es, „über Gott und die Welt“ zu sprechen. Auch Heike Clodius, die als Sozialarbeiterin minderjährige Flüchtlinge in Guben betreut, freut sich immer auf diesen Abend. Michael Voigt kam kurz nach seinem Einstand als Krankenhaus-Seelsorger neugierig vorbei – und seitdem immer wieder, wie er erzählt.

Die Resonanz beim Publikum ist sehr unterschiedlich. „Unsere RedeReise zur digitalen Demenz war gut besucht“, sagt Bischoff. Auch im Vorfeld der Bürgermeisterwahl 2016 – damals trat der mittlerweile verstorbene Klaus-Dieter Hübner an – sei das Interesse am Dialog groß gewesen. Der Einfluss der Medien zieht hingegen nur zwei Gäste ins Lesecafé. Diskutiert wird trotzdem.

Warum nur so wenige Menschen die Angebote der Kultur-im-Stift-Reihe nutzen, kann auch Michael Voigt nicht sagen. Der Krankenhausseelsorger berichtete erst vor Kurzem über seine Erlebnisse in Israel. Auch Reiseberichte und medizinische Fachvorträge sind Bestandteile der Reihe. Im Vorfeld zeigten sich einige Patienten ganz interessiert, wie er sagt. Doch am Abend selbst blieben sie dann doch auf ihren Zimmern.

„Da gibt es immer auch Veranstaltungen, die sehr gut besucht sind und welche, die ausfallen, weil niemand kommt“, bestätigt Süß. Andreas Eckert, der vor drei Jahren eine Kunstauktion organisierte, auf der 40 Bilder versteigert werden sollten, erlebte genau das. Was fehlte, waren die Bieter. Desinteresse sei man in Guben gewohnt, sagte er damals. Doch der Krankenhauspfleger lässt nicht locker und organisiert immer wieder Ausstellungen im Stift – mit mehr oder weniger Publikum.

Ans Aufhören denkt ohnehin keiner. „Das Projekt ist unbefristet angelegt“, betont Süß. Es passe auch zum „Selbstverständnis“ der kirchlichen Stiftung. Das Gubener Krankenhaus wird von einer kirchlichen Privatstiftung betrieben, die im Jahr 1878 vom Gubener Hutfabrikanten Friedrich Wilke gegründet wurde. Mit mehr als 400 Mitarbeiterin ist die Einrichtung heute einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Selbst Kinofilme werden regelmäßig im Krankenhaus gezeigt. Der Musical-Streifen „MamaMia“ lief in der vergangenen Woche. Die britisch-spanische Komödie „Oh Marbella – Sommer, Sonne, Auftragskiller“ folgt am 15. August. Als „gute Mischung“ bezeichnet Bischoff die Filmauswahl. In Guben gibt es schon seit vielen Jahren kein Kino mehr. Wer aktuelle Streifen sehen will, muss nach Cottbus oder Eisenhüttenstadt fahren. Im Wilkestift ist der Eintritt frei.

Auch die LeseReise, bei der Bücher vorgestellt werden, sowie die Aufführungen der Theatergruppe BühnenReif fallen unter die Rubrik „Kultur im Stift“. Das Ensemble besteht ausschließlich aus Laiendarstellern. Das neue Sketch-Programm, bei dem Witze bekannter Komiker gespielt werden, erlebte im Juni seine viel umjubelte Premiere. „Die Resonanz war grandios“, sagt Bischoff. Solche Erlebnisse motivieren auch sie zum Weitermachen.

Vor leeren Stühlen sitzt Andreas Eckert bei der Kunstauktion.
Vor leeren Stühlen sitzt Andreas Eckert bei der Kunstauktion. FOTO: Jana Pozar
Die BühnenReif-Sketche kommen beim Publikum an.
Die BühnenReif-Sketche kommen beim Publikum an. FOTO: Ute Richter
Doris Olschar (l.) und Evelyn Möller stellen Bücher vor.
Doris Olschar (l.) und Evelyn Möller stellen Bücher vor. FOTO: Pozar