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| 14:05 Uhr

Tod und Leben im Kreislauf
Mit totem Holz Leben schaffen

Arne Barkhausen markiert einen Methusalem-Baum. Durch die weiße Farbe sollen Waldbesucher auf den Baum aufmerksam gemacht werden.
Arne Barkhausen markiert einen Methusalem-Baum. Durch die weiße Farbe sollen Waldbesucher auf den Baum aufmerksam gemacht werden. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler
Kleinsee. Totholz mit System: Methusalem-Projekt stärkt biologischen Vielfalt, birgt aber auch Gefahren. Von Michèle-Cathrin Zeidler

„Überall in den Wäldern der Region liegen zahlreiche tote Bäume“, so der Vorwurf eines Lesers bei „Anruf Reporter“. „Warum werden die nicht mehr weggeräumt“, fragt sich der Gubener, der anonym bleiben möchte. Er sieht in dem Totholz eine Brutstätte für Schädlinge und eine Gefahr für Waldbesucher: „Und schön sieht das auch nicht aus.“

Mit dieser Kritik wird Arne Barkhausen, Leiter der Landeswaldoberförsterei Peitz, regelmäßig konfrontiert. Was viele Bürger nicht wissen: In den brandenburgischen Wäldern wird seit 2004 ein Totholzkonzept verfolgt, das „Methusalem-Projekt“. Der Landesbetrieb Forst Brandenburg strebt dabei für die gesamte Landeswaldfläche eine Totholzanreicherung von durchschnittlich 15 Quadratmetern pro Hektar an. „Viele Bürger kennen von früher noch die ‚saubere’ Forstwirtschaft“, erklärt Arne Barkhausen.

Vor dem Projekt sei noch der letzte kleine Ast in die Verwertung gegangen. „Heute lassen wir bewusste einiges an Totholz liegen und wählen Biotopbäume aus, auch wenn wir damit auf Erträge verzichten“, so der Leiter weiter. „Langfristig versprechen wir uns einen höheren ökologischen Wert.“ Natürliche sehe der Wald dadruch weniger aufgeräumt aus: „Aber Schönheit liegt schließlich auch immer im Auge des Betrachters.“

Dieser Methusalembaum ist vor zehn Jahre bei einem Sturm umgefallen und bildet seither einen Lebensraum für zahlreiche Arten.
Dieser Methusalembaum ist vor zehn Jahre bei einem Sturm umgefallen und bildet seither einen Lebensraum für zahlreiche Arten. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler

Erst in den vergangenen 20 Jahren ist totes Holz im Wald mehr in den Fokus der ökologischen Forschung gerückt. „Das Wissen und das Bewusstsein war früher einfach anders“, weiß Arne Barkhausen. Mit dem Erkenntniszuwachs hielten alte Bäume und totes Holz wieder vermehrt Einzug in die Wälder. Wissenschaftliche Studien stellten heraus, dass ein großer Teil der Waldfauna und -flora direkt oder indirekt von dem Vorkommen ausreichender Mengen absterbenden und toten Holzes im Wald abhängt.

Durch die nun praktizierte Anhebung der Menge von Biotopbäumen und Totholz wird die notwendige Lebensgrundlage für Käfer, Pilze, aber auch Säugetiere, Vögel und weitere Insektenarten erhalten und verbessert. „Wir schaffen auf dieser Weise interessante und vielseitige Lebensräume“, betont Arne Barkhausen. Je nach Holzart und Stand des Verfallsprozesses sind etwa 600 Pilzarten und rund 1350 Käferarten an der vollständigen Zersetzung eines Holzkörpers beteiligt.

„Als Biotopbäume wählen wir dabei bewusst Bäume aus, die durch Rindenverletzungen, Holzfäule, Höhlen oder Stammabbrüche gute Lebensräume darstellen“, verrät Arne Barkhausen. Dies habe gleichzeitig den Vorteil, dass diese Bäume in der Verwertung sowieso weniger wert seien.

Neben seiner vielseitigen Funktion als Lebensraum wirkt das Totholz in verschiedener Weise auf den Waldstandort zurück und ist elementarer Bestandteil des Lebenskreises von Waldökosystemen. So bildet es beispielsweise langfristig den Humus für neue Waldgenerationen. „Der Boden ist an diesen Stellen besonders fruchtbar und oft siedeln sich neue Pflanzen auf dem vermoderten Boden an“, berichtet Arne Barkhausen.

Aber trotz aller Vorteile: das Totholzkonzept birgt auch Risiken. „Zum einen stellt das Totholz eine Gefahr für die Waldbesucher dar“, weiß der Förster. Naturgemäß sei totes Holz instabiler. „Aus diesem Grund gibt es kein Totholz direkt an den Waldwegen. Hier hat die Verkehrssicherung Vorrang“, erklärt Arne Barkhausen.

Stehendes Totholz werde seit einiger Zeit außerdem mit einer weißen Linie gekennzeichnet, um Waldbesucher darauf aufmerksam zu machen. „Insgesamt handelt es sich um typische Gefahren des Waldes und da zählen wir auf die Achtsamkeit der Besucher“, sagt der Leiter der Landeswaldoberförsterei Peitz  Bisher sei es in Brandenburg auch noch zu keinem Unfall gekommen.

„Weiterhin müssen wir aufpassen, dass wir uns mit dem Totholz nicht ein Problem mit Schädlingen wie Borken- und Prachtkäfern schaffen und den restlichen Wald in Gefahr bringen“, so Barkhausen weiter. Auch in diesem Fall helfe allerdings nur ein offenes Auge der Förster.

Das Totholzkonzept gilt übrigens nur für die Waldflächen des Landes. „Private Waldbesitzer sind von dieser Regelung ausgenommen“, erklärt Arne Barkhausen. Allerdings hätten einige private Waldbesitzer die Vorteile des Totholzes ebenfalls erkannt und würden sich an dem Konzept des Landes orientieren: „Trotzdem darf das Totholz auch hier keine Gefahr für den Verkehr darstellen.“ Nach Stürmen rät der Förster daher, die Waldwege zu kontrollieren.