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| 18:22 Uhr

Guben
Mediziner in die Provinz locken

Gefäßchirurg Dr. Boguslaw Gracz (Mitte) praktiziert seit rund drei Jahren in Guben.
Gefäßchirurg Dr. Boguslaw Gracz (Mitte) praktiziert seit rund drei Jahren in Guben. FOTO: Halpick
Guben. Sozialausschuss diskutiert über den Ärztemangel in Guben und fordert Hilfe von der Politik. Von Silke Halpick

Rund 40 Prozent der ambulant tätigen Ärzte in Guben sind 60 Jahre und älter. Nachfolger fehlen. Über die Situation der medizinischen Versorgung in der Neißestadt hat der Sozialausschuss heftig diskutiert. Gefordert wird sogar die Zwangsversetzung von Medizinern in unterversorgte Gebiete.

„Das ist zivilrechtlich gar nicht möglich“, stellt Christian Wehry, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin-Brandenburg (KVBB), auf RUNDSCHAU-Nachfrage klar. Ambulant tätige Mediziner seien Freiberufler, denen man den Arbeitsort nicht einfach vorschreiben könne. „Wenn man Ärzte gewinnen will, muss das gesamte Umfeld stimmen“, betont er.

Mediziner, die sich in einer als unterversorgt eingestuften Region niederlassen, können schon jetzt einen Zuschuss von bis zu 55 000 Euro erhalten, den die KVBB und die Krankenkassen gemeinsam tragen. Allerdings sei es nicht das Geld allein, das einen Arzt überzeugt, räumt Wehry ein. Den Erfahrungen zufolge spielen auch die Jobaussichten für den Partner sowie Schul- und Freizeitangebote für die Kinder eine wichtige Rolle.

„Über die Probleme sprechen wir schon seit zehn Jahren“, moniert Horst Kühn, Vorsitzender des Seniorenbeirates. Besonders dramatisch ist für ihn die Situation im Bereich Augen- und Hautarzt. Um behandelt zu werden, müssen die Gubener meist lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Der Augenarzt in der Neißestadt praktiziert nur noch stark eingeschränkt und will Ende 2018 in den Ruhestand gehen. Einen Hautarzt gibt es überhaupt nicht mehr.

Insgesamt 35 ambulant tätige Mediziner praktizieren nach Angaben der Stadt in Guben (Stand: Dezember 2017), davon sind 16 Zahnärzte, acht Allgemeinmediziner, vier Fachärzte für Innere Medizin sowie jeweils drei Orthopäden beziehungsweise Chirurgen/Gefäßchirurgen und Neurologen/Psychiater. Der im Wilkestift tätige Gynäkologe will aus Altersgründen 2018 ausscheiden. Auch die im Oktober 2017 geschlossene Hausarztpraxis der KVBB ist noch immer unbesetzt.

„Die Geldzuwendungen haben nicht gefruchtet“, stellt Kühn fest. Er hatte bereits im Dezember 2017 in einem Schreiben an Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) den Fachärztemangel in der Neißestadt kritisiert. Für ihn ist jetzt die „große Politik“ am Zug. Die müsse festlegen, wohin die Mediziner nach ihrem Studium gehen sollen, fordert er.

Der Sozialausschuss-Vorsitzende Peter Stephan (Linke) sieht auch die Kassenärztliche Vereinigung in der Verantwortung. Die Interessenvertretung der Ärzte ist als öffentliche Körperschaft auch für die wohnortnahe und flächendeckende ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung zuständig. So steht es sogar auf der Internetseite der KVBB.

Auf „sinnvolle Verbindungen“ zwischen ambulanten und stationären Angeboten setzt Gubens Bürgermeister Fred Mahro (CDU). Er selbst glaubt, dass „ganz viele kleine Schritte“ nötig seien, um Mediziner in die Provinz zu locken. „Alle Beteiligte an einen Tisch“ holen, will Ruchi Kassem, Sprecher der Gubener Ärzte. „Es gibt keinen anderen Weg. Wir müssen heute damit anfangen, sonst haben wir irgendwann keine Hausärzte mehr“, betont er. Auch er sucht einen Nachfolger. „Wir brauchen eine neue Generation von Ärzten“, betont er.