„Nicht meckern, sondern selber machen“ – das ist die Devise von Lothar Heinze und Irene Rieck. Der 90-Jährige und die 83-Jährige haben sich lange über das Gestrüpp vis-a-vis ihrem Küchenfenster geärgert. Kurzerhand haben sie dort eine ansehnliche Oase vor dem Mietshaus am Platz der Befreiung geschaffen.
Oft hat Irene Rieck schon den angrenzenden Fußweg vom Unkraut befreit. „Bricht sich ja niemand was ab, wenn er selber mal Hand anlegt“, sagt die rüstige Dame mit einem Augenzwinkern. Für sie und ihren Lebensgefährten ist es selbstverständlich, für Ordnung und Sicherheit in ihrem Umkreis zu sorgen. Schon immer.
Deshalb hat sich das Rentnerpaar auch dem Problem vor ihrem Haus ganz uneigennützig angenommen. Mit Grabegabeln und auf Knien haben sie die alten Wurzeln und das komplette Gestrüpp entfernt, Pflanzen gekauft und Rasen angesät. Über eine Woche hat es gedauert, bis alles in neuem Glanz erstrahlte. Die Anwohner honorierten das Engagement der Senioren, brachten Pflanzen aus dem Garten mit oder spendierten ein Eis für die Mühe des Seniorenpaares.

Reisen und Ahnenforschung als Hobbies

Wenn das rüstige Paar nicht gerade die Rabatten vor ihrem Wohnhaus in Ordnung bringt oder hält, dann reisen sie oder beschäftigen sich mit Ahnenforschung. Eines bedingt manchmal das andere, denn die Forschung nach ihren Familiengeschichten brachte die beiden rüstigen Senioren schon an unterschiedlichste Ecken Deutschlands.
Lothar Heinze ist 1929 in Guben geboren, ging 1944 zur Lehre nach Franken. Er lebte in Pommern, später 38 Jahre in Westberlin, wo er 20 Jahre lang Taxi fuhr. „Dort habe ich alles erlebt, was man sich nur vorstellen kann“, erzählt er aus dieser Zeit. Den Kontakt nach Guben hat er nie verloren. Irene Riecks Ehemann war Lothar Heinzes Schulfreund.
Als die langjährigen Ehepartner von Lothar Heinze und Irene Rieck starben, kehrte er an die Neiße zurück. Der Liebe wegen. Das war 2009. Ahnenforschung interessierte beide. „Man erfährt so viel über sich selbst und seine Vorfahren“, erzählt Lothar Heinze begeistert, der von 1936 bis 1944 die Schule in Guben (heute Gubin) besuchte.
Er hatte ein bewegtes Leben, hatte manchmal riesengroßes Glück, wie er selbst sagt. Denn zweimal kamen ihm Umstände zugute, die ihm das Leben retteten. Ein abgeschnittener Finger und ein falscher Termin beim Friseur spielen dabei eine Rolle. Dreimal im seinem Leben ist er vor Tieffliegern geflüchtet und blieb so am Leben.
Elf Generationen hat er von seiner Familie erforscht. Das reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. „Jetzt ist es schwierig, aus der Zeit vorher noch an Informationen zu kommen“, sagt der Senior. Auch Irene Rieck hat er mit seiner Forschung angesteckt. Auch ihre Familiengeschichte konnten die beiden viele Jahre zurückverfolgen.

Lebensgeschichte aufgeschrieben

Lothar Heinze hatte ein spannendes, ja fast außergewöhnliches Leben. Deshalb hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Auslöser waren Aufzeichnungen seiner Mutter, die einst anfing, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. „Ganze vier Seiten hatte sie leider nur gefüllt, bevor sie starb. Das habe ich aufgriffen und einfach weitergemacht“, erzählt Lothar Heinze. Daraus ist ein ganzes Buch geworden, welches aber nur der Familie vorbehalten ist. „Ich wollte einfach Mutters Werk vollenden und wissen, was es spannendes in unserer Familie gab“, ergänzt er.
Und auch Irene Rieck hat ihre Lebensgeschichte auf Papier gebracht. Schön eingebunden haben so beide ihre Geschichten für ihre Nachkommen festgehalten. Viele Reisen haben sie erst mit ihren Ehepartnern und später zusammen erlebt. Indien, Sri Lanka, Amerika. In vielen Ländern der Welt sind sie gewesen. An seinem 80. Geburtstag haben sie im Flugzeug nach Namibia über der Sahara mit einem Glas Sekt angestoßen.
Seinen 90. Geburtstag verlebten sie im vergangenen Jahr am Strand in Israel. Und ihre Reiselust ist ungebrochen. Im Frühjahr wollten sie nach Andalusien. Das musste wegen der Coronapandemie ausfallen. Doch im Herbst wollen sie wieder auf Reisen gehen. Dann wollen sie sich von einem Schiff aus die Städte und Landschaften an der Donau anschauen. Start wird in Passau sein.
Um auch körperlich nicht einzurosten, sind sie viel mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Sie sind Mitglieder der Wandergruppe der Volkssolidarität und auch sonst sehr aktiv. Einhundert Jahre möchte Lothar Heinze werden und wenn man den rüstigen Senior beobachtet, wird er das auch schaffen. Denn krank sind beide durch ihre Mobilität und ihr positives Lebensgefühl fast nie gewesen.