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Lernen von "Doktor Tod”

Zehn Studenten aus Virginia arbeiten gerade bei den Gubener Plastinaten. Fasziniert von der Ausstellung sind sie trotz allerlei Erfahrung mit toten Körpern.
Zehn Studenten aus Virginia arbeiten gerade bei den Gubener Plastinaten. Fasziniert von der Ausstellung sind sie trotz allerlei Erfahrung mit toten Körpern. FOTO: dsf
Guben. Zachary isst gerade seine Suppe, während Colin über Gliedmaßen spricht. Mittagspause für die zehn Medizin-Studenten aus Virginia, die gerade ein paar Wochen in Guben verbringen, um Anatomie aus nächster Nähe zu erleben. Daniel Schauff

"So eine Möglichkeit gibt es sonst nirgends", sagt Amanda, die aus dem sonnigen Kalifornien auf die andere Seite der USA gezogen ist, um irgendwann Ärztin zu werden. Noch näher kommt man als angehender Mediziner nicht an den menschlichen Körper - da sind sich die zehn Studenten sicher. Zu Hause, sagt Collin, untersucht man an einem Tag ein ganzes Gließmaß. In Guben habe man dagegen einen Tag Zeit für gerade einmal ein paar Quadratzentimeter eines menschlichen Körpers. Zachary isst immer noch seine Suppe.

Der Appetit vergeht den zehn Medizinstudenten von der Eastern Virginia Medical School nicht, auch wenn es gerade um tote Menschen geht. Mit Leichen haben sie alle schon hantiert, aber die Qualität der Ausbildung, sagt Amanda, sei in Guben einfach die beste. Kurz darauf fragt sie nach Ausgehtipps in der Gegend. Einfluss auf die Lebensfreude hat die Zeit im Plastinarium offenbar nicht.

Stattdessen gilt sie als einer der Höhepunkte im ohnehin renommierten Studiengang Medizin in Virginia. Gunther von Hagens, so wirbt die Uni auf ihrer Internetseite, habe mit seiner Plastination nicht nur die Anatomie-Lehre grundlegend verändert, sondern auch den Blick auf den menschlichen Körper mit seinen Ausstellungen. Der Professor, sagt Kristen, habe ihnen einen Aufgabenkatalog mit auf den Weg gegeben. Tag für Tag sollen seine Studenten Teile davon abarbeiten. Der Tag beginnt früh, sagt Zachary. Besonders viel Freizeit gibt es also nicht für die jungen Amerikaner, allesamt zwischen 20 und 30 Jahren alt. Trotzdem - hin und wieder steht ein Ausflug in Richtung Polen oder in Richtung Hauptstadt an. Das Wochenende ist schließlich frei, zumindest so frei, wie das Wochenende eines Studierenden sein kann. Die Bücher warten auch nach Dienstschluss im Plastinarium.

Auch wenn das größte Augenmerk für die zehn künftigen Ärzte auf der Anatomie liegt - Augen für die imposante ehemalige Fabrik, in der sie sich während der Arbeitszeit befinden, haben sie dennoch. Es sei schon faszinierend, sagt Amanda, wie deutlich das Alte und das Neue in der einstigen Berlin-Gubener Hutfabrik in der Uferstraße zusammenkämen.

Vor allen angehenden Medizinern, die zurzeit in Guben Anatomie aus nächster Nähe lernen, liegen noch einige Studienjahre. Viele, sagt Zachary, seien noch im ersten Studienjahr. Einen der Höhepunkte ihrer Zeit an der Eastern Virginia Medical School haben sie mit dem Besuch im Gubener Plastinarium bereits hinter sich. Und der hat sich gelohnt, ist sich Kristen sicher. Eine solche Gelegenheit gebe es schließlich nur einmal.

Zum Thema:
Die Gubener Plastinate verstehen sich bei Weitem nicht nur als Ausstellungshalle. Der größte Markt, den die Werkstatt in der Neißestadt bedient, ist der Bildungssektor. Geschäftsführer Rurik von Hagens geht sogar so weit zu sagen, dass renommierte Universitäten, die medizinische Studiengänge anbieten, Studienmaterialien von den Plastinaten haben müssten. Das sagte er anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Plastinate vor wenigen Monaten. Dennoch zieht auch die Ausstellungshalle in Guben viele Besucher an - freitags, samstags und sonntags, 10 bis 18 Uhr, ist die große Ausstellung in der Uferstraße geöffnet (letzter Einlass jeweils um 16 Uhr).