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Langer Atem für Frauenpower

Diskutieren über die Rolle der Frauen in Politik und Gesellschaft: Kerstin Nedoma, Berit Kreisig, Christiane Fritzschka, Lisa-Marie Weinforth, Luise Eckert, Sigrun Morgenthal und Hanna Fahrentz (v.l.n.r.).
Diskutieren über die Rolle der Frauen in Politik und Gesellschaft: Kerstin Nedoma, Berit Kreisig, Christiane Fritzschka, Lisa-Marie Weinforth, Luise Eckert, Sigrun Morgenthal und Hanna Fahrentz (v.l.n.r.). FOTO: Silke Halpick
Guben. Frauen brauchen einen langen Atem, um in den von Männern dominierten Strukturen in Politik und Gesellschaft etwas bewegen zu können. Das ist das Fazit einer Gesprächsrunde mit Gubener Kommunalpolitikerinnen in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität am Dienstagabend. Silke Halpick

Die Runde der Feministinnen, die mit Moderatorin Sigrun Morgenthal, ins Gespräch kommt, ist allerdings überschaubar. Neben den drei "Frauenpower"-Urgesteinen Kerstin Nedoma (Linke) Christiane Fritzschka (CDU) und Berit Kreisig ("Wir Gubener Bürger"), die als Stadtverordnete in der Kommunalpolitik mitmischen, waren auch Schulsprecherinnen des Pestalozzi-Gymnasiums und der Europaschule dabei.

In ein "klassisches Rollenbild" fühlt sich Luise Eckert nicht gezwängt, wie die Gymnasiastin betont. Sie selbst habe als Kind gern Fußball gespielt und sei mit den Nachbarjungs unterwegs gewesen. "Ich habe aber auch einen Freund, der gern kocht", erzählt sie. Ihrer Empfindung nach können sich Mädchen und Jungen heutzutage viel freier entfalten als früher. Prägend sei allerdings das Elternhaus, räumt sie ein.

Frauen werden noch immer oft nur auf ihr häusliches Umfeld und Erscheinungsbild reduziert, bedauert hingegen Kerstin Nedoma. Das sei in Kleinstädten besonders ausgeprägt. Seit mehr als 20 Jahren ist die Gymnasiallehrerin ehrenamtlich in der Kommunalpolitik aktiv und seit 2014 die Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung. Im vergangenen Jahr trat sie als einzige Frau bei den Bürgermeisterwahlen an. "Je höher die Trauben hängen, desto dünner wird die Luft", sagt sie.

Frauen würden sich "das Leben" oft auch selbst "schwer machen", sagt Christiane Fritzschka. Die Christdemokratin kam über den Runden Tisch in die Kommunalpolitik. "Warum wählen denn so viele Frauen Männer? Trauen sie denen eher zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen?", fragt sie provokant.

Auf das Wahlsystem in Frankreich verweist Regina Bellack, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Guben. Hier müssen die Parteien 50 Prozent weibliche Kandidatinnen nominieren. Um zu verhindern, dass diese nur auf den hinteren Listenplätzen landen, muss einem nominierten Mann zwangsläufig eine Frau folgen. Seit Einführung der Quote 1995 hat sich der Frauenanteil in den Parlamenten von 25,7 Prozent auf 48,5 Prozent (2008) erhöht.

Kritisch sehen die Gubenerinnen die angestrebte Kreisgebietsreform - für weibliche und männliche Abgeordnete. Die großen Entfernungen bezeichnet Fritzschka als Grund, über eine nochmalige Kreistagskandidatur nachzudenken. "Je weiter weg die Themen sind, desto leichter fallen Entscheidungen", warnt Nedoma. Sie vermutet, dass das so gewollt sei. Mit realer Kommunalpolitik habe die Strukturreform für sie jedenfalls nichts zu tun.

Zum Thema:
Rund ein Drittel der Gubener Stadtverordneten sind Frauen. Nur zehn von insgesamt 29 Sitzen sind von weiblichen Abgeordneten besetzt. Damit liegen die Neißestädter aber noch über dem bundesweiten Durchschnitt, der 24 Prozent beträgt. Das zeigen die Zahlen der Statistischen Landesämter. In den deutschen Kreistagen liegt die Frauenquote bei 24,7 Prozent, in den Länderparlamenten bei 32,6 Prozent und im Bundestag bei 36,5 Prozent. Besonders schwer haben es Frauen, die Bürgermeister werden wollen. Nur jedes elfte Stadtoberhaupt ist weiblich.Eine freiwillige 50-Prozent-Quote für Ämter, Mandate und Listenplätze gibt es nur bei den Linken und beim Bündnis 90/Die Grünen.