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| 01:02 Uhr

„Kühle Blonde“ mit Zukunft?

Guben.. Über 60 Firmen arbeiten auf dem Gelände des Industriegebietes Süd in Guben. Viele Neißestädter kennen nur die ganz Großen von ihnen. Die RUNDSCHAU stellt deshalb in einer Serie unentgeltlich die Unternehmen vor, die auf dem Industriegelände auf den unterschiedlichsten Gebieten aktiv sind. Heute: „Achim’s Bierstuben.“ Melanie Longerich

Auf der Forster Straße tost der Verkehr. Die Baracken am Straßenrand bedeckt Schnee. Die Luft in „Achim's Bierstuben und Bowlingbahn“ ist kühl. Nur die Lampe über der Theke spendet etwas Licht. Am Tisch neben dem Fenster trinkt der einzige Gast Bier. Bierstuben-Inhaber Achim Fricke schaut zu.
Früher war das anders, in der damaligen Betriebsgaststätte des ei nstigen Chemiefaserwerkes: „Da brummte der Laden.“ Achim Fricke erinnert sich gern an die Zeit, in der er bis zu 900 Liter Bier am Tag umgesetzt hatte. Heute läuft's gut, wenn 20 Liter über den Tresen gehen. „Nach der Arbeit standen die Leute vor der Theke Schlange.“ Und die wurde nach Ladenöffnung um 15 Uhr nicht kürzer: Als Erste kamen die Arbeiter von der Frühschicht angeradelt, eine Stunde später dann die von der Normalschicht, zwischen 18 und 19 Uhr trafen die Bauarbeiter ein, um 21 Uhr die Nachtschichtler und um 22.30 Uhr die Leute von der Spätschicht. „Vor der Polizeistunde um 23.30 Uhr schenkte ich zum letzten Mal aus. Danach war auf den Tischen kein Platz mehr. Überall standen volle Halblitergläser“ , erinnert sich der Wirt des „dreckigen Ärmels“ , wie die Arbeiter ihre Gaststätte augenzwinkernd nannten.
1964 übernahm der einstige Kraftfahrer die Baracke 17 für die ehemalige Arbeiterversorgung auf dem Gelände des heutigen Autohauses an der Forster Straße. Ehefrau Vera unterstützte ihn beim Ausschank und in der Küche. Vier Jahre später zog das Ehepaar mit der Betriebsgaststätte in die Baracke auf der anderen Straßenseite. 2000 Quadratmeter boten Platz für 160 Gäste. Familien- und Betriebsfeiern mit mehr als 100 Gästen waren keine Seltenheit. „,Wernesgrüner', ,Dresdner Felsenkeller' und ,Radeberger' - wir waren privilegiert. Diese Biersorten hatten die Gaststätten in Guben nicht.“ Ebenso nicht so frischen Hackepeter, wie ihn das Ehepaar Fricke anbieten konnte. Für 2,50 DDR-Mark. Das Fleisch dazu kam direkt aus der werkseigenen Schlachterei.
Auch nach der Wende lief das Geschäft zunächst. Achim Fricke machte sich selbständig. Erst pachtete er die Baracke, 1991 kaufte er sie, später eröffnete er in den Räumlichkeiten auch eine Bowlingbahn.
Die ersten Entlassungswellen beim Chemiefaserwerk waren aber auch in „Achim's Bierstuben“ spürbar. Immer weniger Menschen kamen auf der Straße geradelt und legten dort eine Pause ein. „Mit Einführung des Euros war dann Schicht. Die Leute waren verunsichert.“ Achim Fricke verschränkt die Hände vor dem Bauch. Überhaupt hätten sich die Zeiten geändert. Früher wären die Menschen offener gewesen: „Da legten die Arbeiter beim Skat zusammen, und schon stand eine Flasche auf dem Tisch. Heute achtet jeder genau auf den Cent.“
Es könnte ihm egal sein. Er ist schon sieben Jahre Rentner. Aber natürlich hängt sein Herz an der Gaststätte. „Hier müsste jemand kräftig investieren. Heizung, Fenster - alles ist alt, die Baracke belastet mit Asbest.“ Vera Fricke schüttelt traurig den Kopf. Sie hilft kaum noch aus. „Die wenigen Gäste schafft mein Mann auch alleine.“
Die Frickes würden gerne verkaufen, aber: „Jetzt einfach zuschließen und die Baracke sich selbst überlassen, das kann ich nicht.“ Deshalb öffnet er immer von Montag bis Samstag pünktlich um 15 Uhr.
Achim Fricke steht auf, zapft seinem Gast ein Bier und meint: „Das waren gute Zeiten, wir haben viel erlebt. Es wäre schön, wenn die Bierstuben auch noch eine Zukunft hätten.“