Von Thomas Engelhardt

Ist die Gubener Egelneiße ein neuer Lebensraum für Flußperlmuscheln? Einige Jungen der Friedensschule, die mit offenen Augen in ihrer Heimatstadt unterwegs sind, hatten durchaus diese Hoffnung. Experten sagen nun: Nein, es handelt sich um eine andere Sorte. Sie loben aber zugleich das Interesse der Schüler an ihrer Umwelt.

Der Fund war für die Fünftklässler durchaus etwas Besonderes: Sie hatten mitten in der Neißestadt, unweit der Brücke der Frankfurter Straße über die Egelneiße, große Muscheln entdeckt, bei denen es sich ihrer Meinung nach um Flußperlmuscheln handelt.

„Die allerersten Muscheln hat Levi gefunden“, erinnert sich Eirik Reeb. Seitdem haben die Jungs die Tiere stets im Blick. Regelmäßig schauen sie auf dem Steg direkt neben dem Egelneißedamm nach, ob es im Wasser neue Muscheln gibt. Und immer wieder fällt ihre Suche positiv aus.

Eirik hat über Flußperlmuscheln schon Vieles gelesen und kennt sich gut aus: „Ja, diese Muscheln produzieren tatsächlich Perlen.“ Und der Fünftklässler weiß auch ganz genau, dass diese Muscheln sehr selten sind: „Man findet sie in Deutschland nur in der Eifel, in Bayern, in Sachsen und eben auch einigen wenigen Gebieten Brandenburgs.“

In der Tat ist es so, dass die Flußperlmuschel aktuell zu den in Deutschland vom Aussterben bedrohten Tierarten gehört. Vor allem die Verschmutzung der Gewässer durch Abwasser und Überdüngung sorgt dafür, dass der Bestand rückläufig ist. Und deshalb wäre das Vorkommen der Muscheln für Eirik und seine Freunde auch ein Beweis dafür, dass die Qualität des Wassers der Egelneiße nicht schlecht sein kann. Die Tiere würden hier klares, fließendes Wasser vorfinden, wie sie es für ihr Leben benötigen. Und auch die Bachforelle, die den Muscheln als Wirtstier dient, hätten sie in der Egelneiße bereits gesichtet.

Doch handelt es sich bei den Muscheln auch wirklich um Flußperlmuscheln? Axel Heinzel-Berndt, Naturschutzreferent beim Brandenburger Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), hat seine Zweifel: „Man kann die Flußperlmuschel sicher auch mit der Großen Flußmuschel oder der Chinesischen Teichmuschel verwechseln“, sagt er.

Noch einen Schritt weiter in der Bewertung geht Torsten Berger, freiberuflicher Gewässerökologe. Er hat Neiße und Egelneiße seit den 90er-Jahren im Blick, weilte erst in diesem Jahr zu Untersuchungen in der Region. Anhand des vorliegenden Bildes sagt er: „Das sind keine Flußperlmuscheln. Es handelt sich mit Sicherheit um eine der vier Arten von Muscheln, die aktuell in diesem Bereich nachgewiesen sind.“ So gibt es in der Neiße die Gemeine Teichmuschel, die Malermuschel, die Große Flußmuschel und die Abgeplattete Teichmuschel, eine ebenfalls seltene, vom Aussterben bedrohte Art.

„Die Neiße ist ab Groß Gastrose ein durchaus bedeutender Lebensraum für Großmuscheln“, so der Experte. Die Flußperlmuschel sei hingegen nur ganz im Süden Brandenburgs, an der Pulsnitz rund um Ortrand und an der Schwarzen Elster, zu finden. „Es gibt auch keine Belege, dass es zu früheren Zeiten in der Neiße Flußperlmuscheln gegeben hat.“ Die Neiße, so Berger, sei kein Gewässer, in dem sich diese Art wirklich wohl fühle.

Doch ob nun Flußperlmuschel oder eine andere Art: Steffen Freyer findet es ganz toll, dass die Jungs so aufmerksam durchs Leben gehen. Der Lehrer für das Fach Naturwissenschaften an der Friedensschule sagt: „Genau das ist es ja, was wir mit unserem Unterricht erreichen wollen, und zwar dass wir naturwissenschaftliches Interesse bei unseren Schülern wecken.“

In einem Punkt sind sich die Kinder und die Erwachsenen allerdings einig: Dass alles getan werden muss, damit möglichst viele Arten erhalten bleiben. Laut Torsten Berger gab es gerade in diesem Jahr eine hohe Sterberate bei hiesigen Muscheln. „Unter anderem haben die lange Hitze und das damit verbundene Niedrigwasser dafür gesorgt“, so der Gewässerökologe. Und Eirik Reeb sagt: „Die Egelneiße muss in einem sauberen Zustand bleiben, damit die Muscheln weiter darin leben können.“ Irgendwann will er das vielleicht sogar mit dem Bürgermeister bereden.