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| 15:15 Uhr

Mehr als nur „Rüpelmalerei“
Mit spitzer Feder oder Pöbelmalereien

Joachim Kobelius mit der Einladung zu seiner Ausstellung, die  am Samstagnachmittag um 14 Uhr im Schillertreff des Hauses der Familie eröffnet wird. Dort trifft sich auch einmal wöchentlich der Malzirkel um Kobelius. In seinen Skizzenbüchern warten noch zahlreiche andere Ideen auf ihre Umsetzung – wie der Lebenslauf eines Menschen, der einmal auf dem Ziffernblatt einer Uhr die Stunden angeben soll.
Joachim Kobelius mit der Einladung zu seiner Ausstellung, die  am Samstagnachmittag um 14 Uhr im Schillertreff des Hauses der Familie eröffnet wird. Dort trifft sich auch einmal wöchentlich der Malzirkel um Kobelius. In seinen Skizzenbüchern warten noch zahlreiche andere Ideen auf ihre Umsetzung – wie der Lebenslauf eines Menschen, der einmal auf dem Ziffernblatt einer Uhr die Stunden angeben soll. FOTO: Jürgen Scholz / LR
Guben. Joachim Kobelius malt seit Kindertagen und eckt auch mal an. Seine neue Ausstellung ist ab Freitag im Schillertreff in Guben zu sehen. Von Jürgen Scholz

Der achtjährige Halbwaise aus der Großstadt hatte es nicht leicht auf dem Dorf. Die Großmutter herzensgut, ansonsten blieb Joachim Kobelius  Außenseiter. „Was bleibt da anderes, als zu malen?“, sagt er.

Es war 1943, als seine Mutter gestorben war. Ohne Eltern hatte er nach Ansicht des Pfarrers in der Kirche nichts zu suchen. Das prägt. Er habe nichts gegen den Glauben, aber die Kirche, sagt Kobelius. Er zeigt auf das Kruzifix in seinem Flur unter dem Bild seiner 1985 verstorbenen zweiten Frau. Ihr zuliebe hatte er es angeschafft, die Jesusfigur war damals schon ganz abgegriffen  von denen, die in ihrer Verzweiflung immer wieder über die Metallfigur gestrichen hatten, wenn sie beteten. Seine Frau war Polin und Katholikin, er nach ihrem Tod Alleinerziehender mit drei Kindern in der dritten Etage eines Wohnblocks am Rande der Obersprucke. Dort lebt er immer noch. Vier Treppen hoch, in seinem Alter? „Alles eine Sache der Gewohnheit“, lächelt der 83-Jährige mit dem prägnanten Backenbart, den ein polnischer Künstlerfreund in einer Karikatur liebevoll verewigt hat.

Joachim Kobelius verbindet Sprichwörter und seine Kunst. Das wachsame Holzauge steht auf dem Schrank in seinem Wohnzimmer neben der Justitia, deren Binde keinesfalls blickdicht ist.
Joachim Kobelius verbindet Sprichwörter und seine Kunst. Das wachsame Holzauge steht auf dem Schrank in seinem Wohnzimmer neben der Justitia, deren Binde keinesfalls blickdicht ist. FOTO: Jürgen Scholz / LR

Die prägnante Zeichnung ziert die Einladung zu seiner neuen Ausstellung. Sie hängt auch an der entblößten Bilderwand seines Wohnzimmers, an der sonst fast nur einige Nylonfäden baumeln. Er hat zahlreiche Bilder abgenommen, die demnächst im Schillertreff, der Begegnungsstätte des Hauses der Familie in Guben, zu sehen sein werden.

Unter dem freundlichen Greis mit Kaiserbart auf der Einladung ist ein stilisierter Lebenslauf gezeichnet; ein Säugling links, ein greiser Alter rechts, dazwischen eine Wellenlinie. So ereignislos kann ein Lebenslauf sein.

Die Studienmappe in einem von zwei Zimmern, die der Kunst gehören. In der Mappe sind auch Studien von Pleinairs. Wie viele es sind? Spontan weiß Kobelius darauf keine Antwort. Fast überall findet sich etwas.
Die Studienmappe in einem von zwei Zimmern, die der Kunst gehören. In der Mappe sind auch Studien von Pleinairs. Wie viele es sind? Spontan weiß Kobelius darauf keine Antwort. Fast überall findet sich etwas. FOTO: Jürgen Scholz / LR

War er aber nicht bei Joachim Kobelius. Ganz im Gegenteil. Künstler will er nicht genannt werden. „Eine Künstlerin, das war meine Großmutter.“ Fünf Kinder hat sie groß gezogen, dann zwei Enkel. Nie habe es eine Backpfeife oder ein hartes Wort gegeben, nie ein Essen, das nicht geschmeckt habe, erzählt Joachim Kobelius. Es folgte in der Nähe von Torgau eine Lehre als Möbelmaler. Eine Ausbildung der ganz alten Art. Der Stift musste frühmorgens anheizen, alles für den Tag vorbereiten, es setzte Hiebe. Dafür lernte er alles von dem „Meister hoch drei“, bis auf das Verzieren mit Blattgold; „das kann ich heute noch nicht richtig“, räumt er ein.

Möbelmalerei ist ein Handwerk, das kaum noch jemand kennt. Die Handwerker schufen Strukturen auf Holzflächen, die es so eigentlich nicht gab, und sie gaben Möbeln so ein ganz besonderes Aussehen mit speziell hergestellten Farben und ebenso speziellen Geräten.

Der gelernte Möbel- und Schriftmaler blieb nicht beim Beruf. Er arbeitete in der Kokerei in Lauchhammer, später in einem Betrieb in Schwarzheide, wo er die Beschriftung der Schaltkästen übernahm. 1954 ging er zur Grenzpolizei, war Kartograph und unterlag besonderer Geheimhaltung, bevor er 1956 nach Guben versetzt wurde – nach einem bewusst gesteckten Tipp auf Westverwandtschaft. Bis 1961 war er teilweise auch Ausbilder, wollte aber kein Berufssoldat werden wie sein Vater, lehnte auch eine Beförderung zum Unterleutnant zum Abschied ab. „Einen Unterleutnant hätte im Fall der Reserve kein Feldwebel ernst genommen.“

Kobelius wechselt den Beruf. Maler kann er wegen der Chemikalien in den Farben nicht machen, er lernt Koch in Quedlinburg, wird Kellner als Facharbeiter und Gaststättenleiter im „Universum“ in Guben und später in der Flugplatzgaststätte  auf dem Fliegerhorst Jänschwalde-Ost. Er eckt an, tritt aus der Partei aus, wird Koch im Altenheim Deulo­witz, hat als Hausmeister gearbeitet, zieht drei seiner Kinder nach dem Tod der zweiten Frau allein auf. Das Künstlerische lief da immer nebenher und hat sich danach in zwei der fünf Räume seinen Platz erobert.

Von Anfang an sammelt Joachim Kobelius Sprüche. Mittlerweile sind es mehr als 200. Die Lebensweisheiten der Alten ersetzen im Zweifelsfall die Bibel, davon ist Kobelius überzeugt. Versehen mit Federzeichnungen und kleinen Bildern hat er etwa ein Dutzend kleinere Bücher gestaltet. Sieben davon ließ er in Miniauflagen von etwa 20 Exemplaren drucken. Darunter ist ein Fischkochbuch – versehen mit deutschen, polnischen und chinesischen Texten. Als er in  Auerbachs Keller in Leipzig arbeitete, wohnte er bei einem Chinesen. Als eine junge Chinesin später seinen Malzirkel in Guben besuchte, übersetze sie ihm die Rezepte. Er nimmt Widersprüche wahr und setzt sie in spitzer Feder um, wie in seinem kleinen Buch „Satire“. Er hat eine „Bibel für Atheisten“  in kleinen Einband gepackt. Nahezu alle Enkel und Urenkel haben ein Büchlein mit Sprüchen und Bildern erhalten, das einzigartig ist. Oder sie werden es einmal in den Händen halten.

Eine Personalausstellung im städtischen Museum, das hat es noch nicht gegeben. Kobelius ist einer, der aneckt. Vertrauen ist ihm wichtig. Und Ehrlichkeit.

Mehr als 30 seiner Bilder wird er ab Freitag im Schillertreff ausstellen. Landschaften, die als Illustrationen für ein Märchenbuch entstanden, hängen dann neben Tierdarstellungen  oder Stillleben mit Blumen, teuflischen Gestalten und „Pöbelmalereien“, wie er die farbenfrohen Gestalten nennt, die manchmal aus purer Langeweile, manchmal aus Wut heraus entstanden sind, aber am Ende doch alles andere als den Betrachter anpöbeln.

Es gibt noch viele Ideen in seinem Skizzenbüchlein. Wie das bemalte Ziffernblatt einer Uhr, das den Lebenslauf eines Menschen nachbildet. Allerdings nicht als  Wellenlinie vom Kleinkind zum Greis, sondern sehr viel komplexer. So wie das Leben des kleinen Berliner Halbwaisen, der als alter Mann noch immer donnerstags um 15 Uhr seinen Malerzirkel im Schillertreff betreut. Eine Handvoll sind sie manchmal, die sich über Gott und die Welt unterhalten. „Aber gemalt wird trotzdem“, sagt Joachim Kobelius.

Die Ausstellung von Joachim Kobelius wird am Freitag, 27. April, um 14 Uhr im Gubener Schillertreff eröffnet und ist dort bis zum 31. Mai zu sehen.