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| 12:49 Uhr

Handwerkskunst
Jeder Schwibbogen ist ein Unikat

 Jens Tutzschky hat sich zu einem Experten in puncto Schwibbogen-Bau entwickelt.
Jens Tutzschky hat sich zu einem Experten in puncto Schwibbogen-Bau entwickelt. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler
Guben. Der Gubener Jens Tutzschky baut in Handarbeit seinen Weihnachtsschmuck. Von Michéle-Cathrin Zeidler

Er gehört zu Weihnachten wie die Pyramide und der Engel: der Schwibbogen. Seit dem Beginn der Adventszeit ziert er auch in der Neißestadt zahlreiche Fenster. Viele Schwibbögen sind dabei inzwischen Massenware – nicht so bei Jens Tutzschky. Der Gubener stellt in seiner Freizeit in langwieriger Handarbeit ganz besondere Exemplare her. „Jeder meiner Schwibbögen ist ein Einzelstück“, sagt der 53-Jährige.

Rund 70 Stunden hat er an seinem kleinsten Kunstwerk gearbeitet. Wie lange es bei seinem Prachtstück mit den 17 Lagen bis zur Vollendung gedauert hat, will der gelernte Werkzeugmacher lieber nicht ausrechnen. „Alleine das Verbauen der 360 LED-Lampen hat mehrere Stunden in Anspruch genommen“, verrät Jens Tutzschky. „Ganz zu schweigen vom Nachbrennen der Konturen mit dem Brennholz.“

Seinen ersten Schwibbogen hat Jens Tutzschky bereits in seiner Armeezeit hergestellt. „Wir hatten viel Freizeit. Meine gesamte Kompanie hat gebastelt“, erinnert er sich. „Schwibbögen fand ich schon immer schön, und so fing mein Hobby an“. Zu DDR-Zeiten sei die Materialbeschaffung allerdings nicht so einfach gewesen. Es galt, erfinderisch zu werden. „Bei neuen Material-Lieferungen haben wir die Kisten genommen, abgeschliffen und dann weiterverarbeitet“, verrät Jens Tutzschky und zeigt zum Beweis eine Stelle in seiner ersten Weihnachtspyramiden. Und tatsächlich: Im Inneren ist noch das Grau der Armee-Kiste sichtbar.

Rund zehn Schwibbögen in verschiedenen Größen und mit unterschiedlichen Motiven hat der gebürtige Dresdner bisher hergestellt. Ein paar wurden an Freunde und die Familie verschenkt. Der Rest ziert seit Beginn der Adventszeit die Räumlichkeiten von „Heidis Gesunde Kost“ in Guben, dem Geschäft seiner Ehefrau. „Die Arbeit ist sehr filigran. Man braucht viel Zeit und Geduld“, sagt Jens Tutzschky. „Für jedes Fenster muss die Laubsäge neu ein- und wieder ausgespannt werden.“ Besonders in den Herbst- und Wintermonaten zieht er sich gerne in seine Werkstatt-Ecke im Keller zurück und werkelt zur Entspannung vor sich hin. „Ich habe mir alles alleine beigebracht. Natürlich musste ich dabei das ein oder andere Mal Lehrgeld bezahlen“, schmunzelt Jens Tutzschky. Mit einem zusätzlichen Baum oder Fensterläden konnte er aber noch jeden Fehler kaschieren.

„Meine Motive suche ich mir aus Vorlagen zusammen und gestalte sie dann nach meinen Vorstellungen um“, so Jens Tutzschky. Mit Pappe und „Blaupause“ wird die Vorlage dann auf das Sperrholz übertragen, danach greift der Gubener zur Laubsäge.

Viele seiner Schwibbögen zeigen Berglandschaften mit hohen Tannen und kleinen Häuschen. Besonders stolz ist der Bauarbeiter auf einen Schwibbogen mit Wald samt Rehen, Hirschen und Bäumen. „Hier habe ich eine Pyramide integriert. Die Tiere können sich drehen“, führt der Bastler stolz vor.

Auch seine Frau Heidrun Blazejczyk-Tutzschky ist von seinem Hobby begeistert. „Ich habe ihn nur dadurch kennengelernt“, verrät sie. Eigentlich hatte die Gubenerin nämlich den Männern und dem Heiraten abgeschworen. Doch dann entdeckte sie ein Bild von Jens Tutzschky auf einem Partnerschaftsportal im Internet. Er saß in seiner Werkstatt und hatte einen Schwibbogen vor sich. „Wer so etwas macht, kann nur einer lieber Mensch sein“, war sich Heidrun Blazejczyk-Tutzschky sicher und ließ sich auf ein Treffen ein. Diese Entscheidung hat sie bis heute nicht bereut, im Jahr 2011 zog Jens Tutzschky zu ihr in die Neißestadt. „Meine Gäste bewundern die Bögen immer sehr. Viele Passanten halten vor dem Schaufenster extra an“, verrät Heidrun Blazejczyk-Tutzschky. Auch der frühere Bürgermeister der Stadt wollte dem Ehepaar schon einmal ihren größten Schwibbogen begeistert abkaufen. „Allerdings fiel ihm dann beim genaueren Überlegen ein, dass er gar kein Fenster für den Bogen hat“, erinnert sich Heidrun Blazejczyk-Tutzschky.

Jedes Jahr blickt Jens Tutzschky der Weihnachtszeit voller Vorfreude entgegen. „Er kann es immer kaum erwarten, seine Bögen aufzustellen“, bestätigt Heidrun Blazejczyk-Tutzschky. „Der schlimmste Moment kommt dann für mich nach Weihnachten: wenn ich meine Schwibbögen wieder einpacken muss“, fügt Jens Tutzschky hinzu und lässt den Blick liebevoll über seine Kunstwerke schweifen. Doch bis dahin sei es zum Glück noch eine Weile hin.

Gerade arbeitet Jens Tutzschky an einem neuen Schwibbogen. Dieses Mal soll es etwas völlig anderes werden. „Wir haben eine Postkarte mit dem Marktplatz von Bad Urach bekommen. Ich wusste sofort: Aus diesem Motiv werde ich meinen nächsten Schwibbogen machen“, erzählt der handwerklich Begabte. Damit hat sich Jens Tutzschky sein bisher aufwendigstes Projekt vorgenommen. „Im Vordergrund befinden sich viele Fachwerkhäuser. Da gibt es viel zu Brennen und zu Beizen“, erklärt der Schwibbogenbauer. „Es wird wahrscheinlich das einzige Motiv in dieser Richtung bleiben.“