Von Daniel Schauff

60 Minuten – der Weg von Gubin nach Zielona Góra ist nicht weit, kann aber unendlich werden, wenn im Rettungswagen ein Patient liegt, der dringend medizinische Hilfe braucht.

Zwar gibt es in Krosno – 30 Kilometer von Gubin entfernt – ein Krankenhaus. Nach zeitweiser Schließung aber und finanziellen Engpässen ist das Krankenhaus in Krosno alles andere als ein zukunftssicherer Standort. Anders das Naemi-Wilke-Stift in Guben. Die Ausstattung ist modern, die Entfernung nach Gubin: je nachdem gerade einmal ein paar Hundert Meter. Trotzdem: eine rechtliche Grundlage für den Krankentransport über nationale Grenzen hinaus fehlt zwischen Polen und Deutschland nach wie vor.

Versorgungslücken im Grenzgebiet

Eine Situation, die auch in anderen Grenzstädten zu „Versorgungslücken“ beim Notfalldienst führt. Von Zasieki bei Forst aus braucht es rund 45 Minuten bis ins nächste Krankenhaus in Zary, eine Stunde bis in die Klinik in Zielona Góra. Der Weg ins Forster Krankenhaus: eine Sache von Minuten.

In Spree-Neiße ist die Situation besonders deutlich, weil neben dem unsicheren Krankenhaus in Krosno auch das Krankenhaus in Gubin seit Langem geschlossen ist. Angrenzend an den Spree-Neiße-Kreis zeigt sich die Woiwodschaft Lubuskie besonders ländlich. Schon in Bad Muskau im Landkreis Görlitz stellt sich eine andere Situation dar. Zwar ist von Bad Muskaus Nachbarn Leknica der Weg ins deutsche Krankenhaus in Weißwasser deutlich kürzer als der ins nächste polnische Krankenhaus in Zary, 15 Minuten stehen hier 30 Minuten Fahrtzeit gegenüber, immerhin lassen sich die gut 30 Kilometer von der Grenze bis Zary mit eingeschaltetem Blaulicht in verhältnismäßig kurzer Zeit überwinden. Dennoch wird beim sächsischen Nachbarn die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung offenbar bereits praktiziert.

Grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung

Der aufgenommene Patient könne entscheiden, in welche stationäre Einrichtung er in Polen oder Deutschland gebracht wird, erklärte Bad Muskaus Bürgermeister Andreas Bänder (CDU) kürzlich gegenüber der RUNDSCHAU. Eine rechtliche Grundlage allerdings gibt es dafür nicht, betont Carsten Jacob, Geschäftsführer der Euroregion Spree-Neiße-Bober mit Sitz in Guben. Die Euroregion war vor einigen Wochen Gastgeber eines Symposiums zum grenzübergreifenden Rettungswesen. Das Ziel war es, die fehlende rechtliche Grundlage entlang der deutsch-polnischen Grenze zu formulieren. Bis Ende des Jahres sollen die entsprechenden Abkommen zwischen den Trägern der Rettungsdienste auf beiden Seiten der Grenze geschlossen sein.

Dass der grenzüberschreitende Rettungsdienst keine Utopie ist, zeigen Beispiele unter anderem an der sächsisch-tschechischen Grenze, an der nordrhein-westfälisch-niederländischen oder auch an der österreichisch-tschechischen Grenze. Im Sommer bereits soll eine Kooperationsvereinbarung zwischen Westpommern in Polen und dem nordostdeutschen Landkreis Vorpommern-Greifswald in trockene Tücher gebracht werden, berichtete der Norddeutsche Rundfunk vor ein paar Tagen. Damit käme der Region im Norden eine Vorreiterrolle an der deutsch-polnischen Grenze zu. Bereits seit eineinhalb Jahren läuft ein 2,3 Millionen Euro teures EU-Projekt, das die Voraussetzungen für die Kooperation im Rettungswesen schaffen soll.

Ein ähnliches Projekt gibt es auch in Guben, initiiert vom Naemi-Wilke-Stift. Dort werden – ebenfalls mithilfe von EU-Fördermitteln – Sprachkurse für Mitarbeiter angeboten, Informationsmaterialien bereits zweisprachig ausgegeben, Dolmetscherleistungen für polnische Patienten angeboten. Zum Projekt gehört auch eine Machbarkeitsstudie zur grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung.

Bis zum Jahresende, so waren die am Symposium in Guben Beteiligten sich einig, soll die künstliche „Rettungs-Grenze“ zwischen den beiden EU-Staaten Deutschland und Polen keine mehr sein. Immerhin gerade einmal acht Jahre, nachdem Deutschland und Polen eine Rahmenvereinbarung zum grenzüberschreitenden Rettungsdienst geschlossen haben.