Es ist nur eine kleine Gruppe, die heute an einem Gedenkstein in der Hugo-Jentsch-Straße in Guben Blumen niederlegt, darunter Vertreter der Linken und der Stadtverwaltung. Sie erinnern an Farid Guendoul, einen Asylbewerber, der unter dem Namen Omar ben Noui in der Nacht zum 15. Februar 1999 in der Hugo-Jentsch-Straße verblutete.

Guendoul kam in dieser Nacht mit zwei anderen Asylbewerbern aus einer Disco, als sie einem Dutzend Rechtsextremisten in die Hände fielen. Die waren unterwegs, um sich an einem Dunkelhäutigen zu rächen, der angeblich einen Deutschen verletzt haben sollte.

Guendoul und seine Begleiter hatten damit nichts zu tun, doch der Extremistentrupp griff sie an. In Todesangst trat der Algerier die Scheibe einer Haustür ein, um sich in Sicherheit zu bringen. Das gesplitterte Glas durchschnitt seine Beinschlagader.

Knapp zwei Jahre später, nach 17 Monaten Verhandlung vor der Jugendstrafkammer am Landgericht Cottbus, wurden acht von elf angeklagten Gubenern wegen fahrlässiger Tötung des Algeriers verurteilt. Nur drei mussten wegen Einbeziehung anderer Straftaten ins Gefängnis. Wie die Tat selbst sorgte auch das Strafverfahren unter dem Namen "Hetzjagdprozess" bundesweit für Schlagzeilen.

"Je weiter man von Guben weg ist, um so häufiger wird man noch darauf angesprochen", sagt Frank Kramer, Fraktionschef der Gruppe "Wir Gubener Bürger" im Stadtrat. In der Stadt selbst sei der Tod des Algeriers kein Thema mehr. Dass am Todestag Blumen an dem Gedenkstein abgelegt werden, sei gut. Doch genauso wichtig sei es, im Alltag wachsam zu sein, wenn rechtsextreme Tendenzen auftauchten, sagt Kramer: "Der Stein ist Mahnung, wachsam zu sein."

Der Gedenkstein für Farid Guendoul war kurz nach der Hetzjagd auf Initiative der damaligen Gubener Antifa aufgestellt und ein Jahr später von der Stadt offiziell gewidmet worden. Immer wieder kam es zu Schändungen. Blumen wurden zertreten, die Metallplatte verbeult, mit Farbe beschmiert.

Heute ist der Stein am Rande einer Brachfläche das Einzige, was in Guben an den Algerier erinnert. Der Block, in dem er starb, wurde abgerissen. Ein Asylbewerberheim gibt es nicht mehr in der Neißestadt. Viele junge Leute, die sich für den Stein engagiert hatten, sind inzwischen weggezogen.

Auch die Söhne von Gottfried Hain gehören dazu. Hain war Bürgermeister in Guben, als Guendoul starb. "Es ist still geworden um den Stein", sagt auch er.

Für ihn sei damals das Eindrücklichste gewesen, dass so viele Gubener gleich nach der Tat auf die Straße gingen, um gegen Fremdenfeindlichkeit Position zu beziehen. Trotzdem sei die Stadt danach durch die Medien "stigmatisiert" worden. Das habe bei vielen Gubenern Frust ausgelöst: "Vielleicht sind diese Ereignisse auch deshalb nur bedingt aufgearbeitet worden", vermutet Hain.

In einer aufgearbeiteten Form seien die damaligen Ereignisse nicht in das Stadtgedächtnis aufgenommen worden, stellt auch Susanne Kschenka fest. Sie arbeitet für das Mobile Beratungsteam zur Stärkung der Zivilgesellschaft gegen rechtsextreme Einflüsse. "Mit so einer Aufarbeitung könnte man heute gelassener darüber reden", sagt sie. Aber vielleicht sei das mit der Aufarbeitung damals schwierig gewesen. Doch positive Veränderungen in der Stadt hat auch sie beobachtet. Die Hinwendung Gubens zur polnischen Nachbarstadt Gubin gehört für sie dazu und eine andere Haltung der Polizei als vor 15 Jahren. Fred Mahro (CDU), stellvertretender Bürgermeister und amtierender Chef im Gubener Rathaus, gehört zu denen, die heute Blumen zum Gedenken an den Algerier niederlegen. Er glaubt, dass die Verurteilung seiner Verfolger Wirkung gezeigt habe. Rechtsextremisten in Guben gebe es, aber das seien heute eher Einzelpersonen, keine Gruppen.

Erfreut sei er über eine Initiative, die im Internet Dokumente und Interviews über die Todesumstände des Algeriers und den Prozess gegen seine Verfolger zusammengetragen hat. "Das ist eine gute Sache", lobt Mahro.

Bei der Kommunalwahl im Mai, ist er sicher, werde die NPD ihren Sitz im Stadtrat von Guben verlieren. Der derzeitige NPD-Abgeordnete habe sich dort schon lange nicht mehr sehen lassen.

Einer der wegen der tödlichen Hetzjagd verurteilten Gubener, Alexander B., hat nach seiner Haftentlassung in der rechtsextremen NPD eine feste politische Heimat gefunden. Er ist inzwischen stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Lausitz und leitet dessen Ordnerdienst.

Und was wurde aus den Begleitern von Farid Guendoul, die vor 15 Jahren auch um ihr Leben rannten? Der Algerier Kaled B. lebt nach Auskunft der Opferperspektive Brandenburg mit einem unbefristeten Aufenthaltsrecht in Potsdam. Issaka K. aus dem westafrikanischen Sierra Leone hatte nach der Hetzjagd in einem Asylbewerberheim in Rathenow gewohnt. Auch dort war er fremdenfeindlich angegriffen worden. Danach verliert sich seine Spur.

Unter www.re-guben.de haben Mitglieder des Demokratische JugendFORUM Brandenburg e.V. einen Gedenk-Blog für den Algerier eingerichtet, der in Guben Opfer rechtsextremer Gewalt wurde.

Auf der Seite finden sich Filme und Dokumente über das Tatgeschehen und das Leben Farid Guendouls, sowie Interviews mit Akteuren und Beobachtern des Gerichtsprozesses.