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| 18:56 Uhr

Eisenhüttenstadt
Sorgen um das stählerne Herz

 Etwa 1800 Mitarbeiter sind zu der Betriebsversammlung am Freitagmorgen gekommen. 
Etwa 1800 Mitarbeiter sind zu der Betriebsversammlung am Freitagmorgen gekommen.  FOTO: dpa / Patrick Pleul
Eisenhüttenstadt. Beschäftigte von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt befürchten Nachteile durch Konzernumbau Von Janet Neiser

 Etwa 1800 Beschäftigte von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt haben am Freitag auf einer außerordentlichen Betriebsversammlung ihre Sorge um die Zukunft des integrierten Hüttenwerkes zum Ausdruck gebracht. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD)  fordert klare Aussagen vom Konzern.

„Wir wollen wissen, wie es weitergeht“, sagt ein junger Mann, als sich die Massen in das extra aufgestellte Zelt vor den Werkstoren von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt (AMEH) schieben. Er selbst arbeite im Warmwalzwerk. Dort hat man Angst, durch die Strukturänderungen auf dem Flachstahlsektor wegrationalisiert zu werden. „Wir sind hier, weil wir am Werk und der Stadt hängen“, betont er und verschwindet im Menschenstrom.

Etliche sind gekommen, gut 1200 Personen passen ins Zelt, Hunderte verfolgen die Betriebsversammlung von draußen. Extra motiviert werden musste niemand. „Das war ein Selbstläufer“, erklärt Betriebsratsmitglied Renato Thielecke. Das Werk, das Brandenburgs Ministerpräsident an diesem Tag als Leuchtturm bezeichnet, hat etwa 2700 Beschäftigte. Die, die nicht da waren, seien verhindert gewesen, sagt er. Kaltwalzwerk und Warmwalzwerk würden für die Dauer der gut einstündigen Versammlung komplett stehen.

  Es brodelt in Eisenhüttenstadt, so wie in der Nachwendezeit, als man ebenfalls große Zukunftsängste hatte. „Das ist schon vergleichbar“, findet Renato Thielecke. Was gerade passiere, sei existenzbedrohend. „Das kann schneller gehen, als wir uns das vorgestellt haben.“

Doch was ist überhaupt passiert?

Seit Februar hat der Flachstahlsektor von ArcelorMittal in Europa keine länderübergreifenden Business-Divisions mehr, sondern arbeitet in sechs Länderclustern. Eins davon ist Deutschland, und dort gibt es die zwei Flachstahlproduzenten Bremen und Eisenhüttenstadt. Zum Landesverantwortlichen wurde der aktuelle Chef des Bremer Standortes, Reiner Blaschek, auserkoren. Er könnte, sollte es zu einer gemeinsamen GmbH, also einer Verschmelzung von Bremen und Eisenhüttenstadt kommen, auch den Geschäftsführer in Eisenhüttenstadt komplett ersetzen und die Geschäfte von Bremen aus führen. Ein Horrorszenario  für die Beschäftigten, den Betriebsrat und die IG Metall in Ostbrandenburg. Derzeit wird über die konkrete Ausgestaltung der Organisationsstruktur verhandelt.

„Verschmelzung, wenn ich das höre, dann klingeln bei mir die Ohren an allen Ecken“, sagt Hasso Düvel, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei AMEH. „Ich kenne keinen Fall, wo eine Fusion den Kleinen geholfen hat. Das war stets ein Sterben auf Raten.“ Deshalb sei es wichtig auf die Weichenstellung zu achten. „Wenn die Weiche falsch gestellt wird, dann fährt der Zug in eine Richtung und kommt nicht mehr zurück.“ Düvel betont: „Dieser Betrieb leistet hervorragend Arbeit, schreibt gute Zahlen, hat eine gute Kundenperformance, wir sind ein super Stahlwerk.“

Etwa zwei Millionen Tonnen Rohstahl werden in Eisenhüttenstadt jedes Jahr produziert, in Bremen sind es vier Millionen Tonnen.

In einem Statement von Geert Van Poelvoorde, Chef von AM Europa für Flachstahl, heißt es: „ArcelorMittal Eisenhüttenstadt ist ein wichtiger Teil der Flachstahlsparte im Konzern – und dies wird auch in Zukunft so bleiben.“ Es sei keine Schließung von Produktionsbereichen geplant. Das Werk in Eisenhüttenstadt zähle zu den besten der Gruppe. Pierre Jacobs, Geschäftsführer in Eisenhüttenstadt, sorgt sich ebenfalls nicht um den Standort. Er spricht von einer rechtlichen Verschlankung, die der Konzern erreichen wolle.

Mit einem kurzfristigen Jobabbau und der Schließung der Flüssiglinie rechnet auch der Betriebsrat in Eisenhüttenstadt nicht, aber eine Fusion mache wirtschaftlich keinen Sinn, findet der Betriebsratsvorsitzende Holger Wachsmann.  „Wir wollen eine faire Chance haben, weiterhin gute Zahlen zu bringen – für die Menschen und den Konzern.“

„In Eisenhüttenstadt schlägt das stählerne Herz Ostbrandenburgs“, erklärt Ministerpräsident Dietmar Woidke. „Wir werden alles tun, dass dieses Herz kräftig weiterschlägt.“ Er habe einen Brief an Konzernchef Mittal geschrieben und um eine Stellungnahme gebeten.

 Mehr als 1000 Mitarbeiter sind zu der Betriebsversammlung am Freitagmorgen gekommen. 
Mehr als 1000 Mitarbeiter sind zu der Betriebsversammlung am Freitagmorgen gekommen.  FOTO: dpa / Patrick Pleul