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| 02:55 Uhr

In den Äpfeln von Guben steckt mehr drin

Günter Quiel, stellvertretender Vorsitzender der Pomologischen Gesellschaft in Guben, im neuen Lehr- und Schaugarten. Der 2009 gepflanzte Tamino-Baum trägt bereits prächtige Früchte.
Günter Quiel, stellvertretender Vorsitzender der Pomologischen Gesellschaft in Guben, im neuen Lehr- und Schaugarten. Der 2009 gepflanzte Tamino-Baum trägt bereits prächtige Früchte. FOTO: Jürgen Scholz
Guben. Sie arbeiten gegen das Vergessen an – die Apfel-Experten von Guben. Mehr als 200 Obst-Züchtungen wurden von ihren Vorgängern entwickelt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts strömten Berliner nach Guben wie heute zum Blütenfest nach Werder. Der Vize-Vorsitzende der Pomologischen Gesellschaft Guben, Günter Quiel, will daran anknüpfen. Jürgen Scholz

Guben hatte die dritte Pomologische Gesellschaft überhaupt in Deutschland und eine sehr findige Obstbauernschaft: 93 Birnenzüchtungen, 83 Apfelzüchtungen, 26 Pflaumensorten, 33 Kirschsorten und 15 Aprikosensorten wurden in Guben gezüchtet, zählt Günter Quiel auf. Darunter waren so klangvolle Namen wie "Gubens Ehre", eine Mischung aus Süß- und Sauerkirsche, die formell aber zu den sauren Kirschen gezählt wird. Oder der Warraschke. Es ist der Gubener Apfel schlechthin und mehr als 200 Jahre alt. In einer bestimmten Mischung mit dem etwa zeitgleich in Guben gezüchteten Kaschacker entstand aus dem Warraschke ein relativ günstiger Apfelwein mit einem ganz besonderen Aroma, der die Berliner Ausflügler begeisterte. Günstig, gut und 1892 bei einer Weinverkostung mit dem ersten Preis prämiert, wie Günther Lohse, der Sekretär der vor zehn Jahren wieder belebten Pomologischen Gesellschaft, im aktuellen Gubener Heimatkalender vermerkt.

Seit zehn Jahren sind die Mitglieder damit beschäftigt, die alten Sorten zu sichern. Das heißt in erster Linie: finden, erhalten, vermehren. Auch im eigenen Obstschaugarten. Dort sind Gubener Eigengewächse zu finden wie eben die Apfelsorten Warraschke und Kaschacker, die Birnensorte "Holde Mine", die süße Sauerkirsche "Gubener Ehre" oder der seit mehr als 450 Jahren in Guben vorkommende Spilling, eine Pflaumensorte. Für Günter Quiel ist der Spilling ein Geheimtipp für Liköre oder Marmeladen, aus dem sich noch mehr machen ließe. Der stellvertretende Vorsitzende der Pomologischen Gesellschaft präsentiert den neuen Obstschaugarten, der etwas versteckt an einer Kleingartenanlage liegt, wenn man von der Kreuzung B320/B112 Richtung Neuzelle fährt. Eine Lage mit Potenzial. Denn da die Kleingartenvereine durch Wegzug und Überalterung Mitglieder verlieren, sollen an diesem und anderen Standorten Obstwiesen wachsen. Wenn sich ein Garten am Rande nicht mehr vermieten lässt, wird er zur Erweiterung des Obstgartens genutzt. Gerade der Standort am Oder-Neiße-Radweg hat für Günter Quiel deshalb eine besondere Bedeutung: "Hier können sich die Radfahrer auch mal ausruhen. Wir schaffen kleine Oasen auf ihrem Weg."

Klaräpfel im August sind eher zum schnellen Verbrauch gedacht, die guten Lagersorten reifen erst später. Auf kleiner Fläche ist so auch Vielfalt möglich.

Diese Vielfalt zu sichern, war die erste Herausforderung für die Mitglieder der Pomologischen Gesellschaft. Vor Ort hat sie nur etwa zwölf aktive Mitglieder, im Hintergrund kann sie auf weit mehr Unterstützer zählen. So zählt der bundesweit agierende Optiker Fielmann zu den Mitgliedern ebenso wie Leo Mangasarian, der bei Bärenklau Wald und eben auch Obstflächen erworben hat, erzählt Quiel. Jedes Jahr eine alte Sorte zu sichern und wieder zu verjüngen, das sei ein Ziel des Vereins. Bislang wurden allein 13 Gubener Apfelarten und -sorten gesichert.

Doch für die Gubener Pomologen geht es mittlerweile auch um den nächsten Schritt, quasi die Verjüngung und den Erhalt des eigenen Vereins. "Mit über 70 Jahren klettert man nicht mehr zum Schneiden in die Bäume", sagt Quiel. Aber auch, wer nicht an den Bäumen selbst pflanzen, veredeln und schneiden lernen und arbeiten will, wird gebraucht.

Und der Verein hofft, dass noch mehr Flächen wieder für den Obstbau aktiviert werden können, beispielsweise auch auf ehemaligen Tagebauflächen. Schließlich sei der Obst- und Gemüseanbau vor mehr als 200 Jahren auch die Reaktion auf einen Strukturwandel gewesen. Und Quiel setzt auf den Geschmack der Menschen. Als er in Südtirol war, erzählt er mit deutlichem Widerwillen, seien spätabends die Anlagen in Gang gesetzt worden, die die Plantagen besprühten. Die Äpfel würden dort in Aussehen und Geschmack für den Markt getrimmt.

Dabei steht Quiel in dem kleinen Schaugarten, wo auf etwa 200 Quadratmetern mehr als ein Dutzend Obstsorten wachsen, von denen ein Nicht-Pomologe nie gehört hat. Zum Beispiel der "Tamino": prächtig, knackig, gelbrot und zum Reinbeißen.

Zum Thema:
Bis vor zwei Jahren hat die Pomologische Gesellschaft eigene Apfeltage organisiert, beteiligt sich seitdem aber auch am Gubener Appelfest. In diesem Jahr macht sie allerdings eine Pause. Wer Interesse an alten Sorten oder einer Mitarbeit im Verein hat, kann sich wenden an den stellvertretenden Vorsitzenden Günter Quiel (03561 550341 oder 559852, Mail: guenter.quiel@t-online.de) oder deren Sekretär Günter Lohse (Telefon 03561 52631).