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| 01:08 Uhr

Im Bahnhof zu Hause

Grießen.. Direkt am Bahngleis zu wohnen, ja gar in einem Bahnhofsgebäude, das ist nicht jedermanns Sache, erst recht nicht, wenn Warteraum, Schalterhalle und Güterboden fast 100 Jahre Bahngeschichte mitgemacht haben. Anders bei Bodo Gerasch. (fw)

Er und seine Familie waren regelrecht auf der Suche nach einem alten, ehrwürdigen Gebäude, das Flair ausstrahlt, einer vierköpfigen Familie genügend Wohnraum bietet und unbedingt naturnah gelegen sein sollte. So nutzten sie vor gut einem Jahr die Chance und kauften das alte Grießener Bahnhofsgebäude samt Bahnsteig und Gleisanlagen an der seit über 20 Jahren stillgelegten Strecke zwischen Guben und Forst und machten es zu ihrem Wohnsitz am Rande der Neißeaue.
Am 1. Juni 1904 waren der regelmäßige Zugverkehr zwischen Guben und Forst aufgenommen und zuvor die entsprechenden Bahnanlagen und Bahnhöfe entlang der Strecke gebaut worden. Anfang der 80er Jahre rumpelte der letzte Güterzug über die Gleise ganz in der Nähe des Wasserkraftwerkes.
Den Personenverkehr hatten schon seit einiger Zeit Busse übernommen. Nur Anfang der 90er Jahre nutzte die Bahn das marode Gleis noch, um überflüssig gewordene Güterwagen abzustellen.
Im Bahnhofsgebäude, über den Diensträumen, wohnten Elfriede und Horst Fabian. Fast 30 Jahre fuhr Horst Fabian mit der Bahn nach Forst zur Arbeit. Er kümmerte sich um die Instandhaltung der Gleisanlagen auch an der Strecke, die die beiden ehemaligen Kreisstädte Forst und Guben verband. „An den Zugverkehr hatten wir uns schnell gewöhnt“, erinnert sich Elfriede Fabian, die nach dem Tod ihres Mannes in der Nähe des Wasserkraftwerkes eine Bleibe gefunden hat. Ursprünglich interessierten sich auch die Fabians für das alte Bahnhofsgebäude. „Aber alleine ist das nicht zu schaffen“, stellt die humorvolle Rentnerin fest. Sie erinnert sich daran, dass der Bahnhof einst eine Gaststätte hatte und ein Grießener beim unachtsamen Überqueren der Gleise von einem Zug erfasst wurde und zu Tode kam. „Sonst ist hier nicht viel passiert“, ergänzt sie noch.
Nach der Einstellung des Bahnbetriebes 1981 wurde es still um den Bahnhof. Die Gleise verwilderten, und die Natur ergriff wieder Besitz von dem, was ihr einst die Bahn genommen hatte.
Genau das Richtige für Bodo Gerasch, Lebensgefährtin Kerstin und die beiden Kinder Valeria und Maximilian. Ihren Vorstellungen, ein altes Gebäude wieder aufzumöbeln und bewohnbar zu machen, entsprach das Bahnhofsgebäude, an dessen Klinkerfassade noch heute der Stationsname „Grießen Niederlausitz“ zu lesen ist, vollkommen.
Für den entscheidenden Tipp ist Familienoberhaupt Bodo dem ortsansässigen Zimmerermeister noch immer dankbar. Der Zustand des Gebäudes war nicht so schlecht wie anfangs vermutet. Das Obergeschoss, schon immer Wohnung, hatte zwar, wie im ganzen Haus, Ofenheizung, aber auch herrliche alte Türen, Fenster und Holzdielen. Für Gerasch stand fest: Das sollte unbedingt erhalten oder zumindest originalgetreu wieder hergestellt werden. Und für das Heizungsproblem fand der versierte Bauarbeiter auch eine Lösung. Mit viel Mühe nahm Bodo Gerasch die Gleise im Bereich des ehemaligen Bahnsteigs heraus, funktionierte sie zu Zaunsäulen um, stapelte die Schwellen zu einer gegenüberliegenden Stützwand auf, ließ den Gleisschotter abtransportieren, brachte dann an die 1000 Meter Kunststoffrohre ein und verfüllte alles mit Erdreich. Fertig war die Grundlage für die Nutzung von Erdwärme zum Betrie b der Fußbodenheizung im gesamten Haus.
Auflagen des Denkmalschutzes muss Gerasch nicht erfüllen, doch für ihn als Baufachmann ist es selbstverständlich, dass die typische Ausstrahlung des Hauses erhalten bleibt. „Wir mussten zwar tiefer in die Tasche greifen, aber Fenster und Türen sollten so aussehen wie früher“, berichtet der Bauherr, der sich um die Wärmedämmung keine Sorgen machen muss. Vor 100 Jahren hat man solide gebaut.
Aus dem angrenzenden Güterboden will Gerasch später einen Wintergarten machen. Doch zunächst müssen die ehemalige Wartehalle zu einem Gästezimmer und der frühere Schalterraum zur Küche umgebaut werden. Gewundert hat sich Bodo Gerasch über die Räucherkammer im Keller, Stallanlagen auf dem Bahnareal und den Steinbackofen am Rande des Grundstückes. Diesen will er später einmal herrichten und in Betrieb nehmen.
Vielleicht den zahlreichen Radlern, die auf dem Neißeradweg an seinem „Bahnhof“ Rast machen, frischen Kuchen anbieten. Ausruhen könnten sie sich in einem alten, hölzernen Personenwagen der Bahn, vielleicht in einem, der einst mit harten Bänken zwischen Guben und Forst rumpelte.
Aber das ist Zukunftsmusik. Das notwendige Gleisstück zum Aufstellen eines solchen Wagens hat Gerasch vorsichtshalber liegen lassen. Vorstellen kann er sich auch eine kleine Ausstellung, die dann vom einst florierenden Bahnwesen in Grießen berichtet.