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| 15:47 Uhr

Pflege
Wieder mehr Geld für Heimplatz

Die Bewohner in Pflegeheimen sind auf Hilfe angewiesen. Ausziehen ist keine Option, selbst wenn die Gebühren um 100 Euro steigen. Im Landkreis Spree-Neiße beziehen daher 25 Prozent der vollstationären Bewohner Sozialhilfe.  
Die Bewohner in Pflegeheimen sind auf Hilfe angewiesen. Ausziehen ist keine Option, selbst wenn die Gebühren um 100 Euro steigen. Im Landkreis Spree-Neiße beziehen daher 25 Prozent der vollstationären Bewohner Sozialhilfe.   FOTO: Uwe Anspach / dpa
Guben. Fehler im System: Steigende Personalkosten werden an die Bewohner weitergegeben.

Renate Scholtz* ist niedergeschlagen Die 81-Jährige lebt in einem Pflegeheim in der Region. „Jedes Jahr werden die Pflegekosten erhöht. Mit meiner kleinen Rente kann ich den Eigenanteil schon lange nicht bezahlen“, erzählt die Pflegebedürftige am Telefon. Sie möchte lieber anonym bleiben. „Ich verstehe das alles nicht. Ich habe schließlich mein ganzes Leben gearbeitet“, so Renate Scholtz weiter. Nun ist sie auf die finanzielle Unterstützung ihrer Kinder angewiesen. Zurück in ihre alte Wohnung kann sie nicht mehr. „Ich bin zwar im Kopf fit, aber mein Körper macht immer weniger mit. Ich brauche Hilfe“, so die mehrfache Großmutter. Ihre Kinder leben alle in der Ferne, der Ehemann ist schon verstorben. „Ich wollte dem Staat nie auf der Tasche liegen. Gott sein Dank helfen mir meine Kinder aus“, so die gebürtige Gubenerin. „Aber es ist mir peinlich, sie jedes Jahr um mehr Geld bitten zu müssen.“

Martin Reiher, Geschäftsführer der Gubener Sozialwerke gGmbH, zu der auch das Rosa-Thälmann-Heim gehört, kennt diese Sorgen. „Die Pflegekosten für die Bewohner der Altenheime sind auch in Guben wieder angestiegen“, so Martin Reiher. „Dabei ist der Anteil bereits in den vergangenen drei Jahren stark angestiegen.“ So betrage der einrichtungseinheitliche Eigenanteil bei ihnen seit dem 1. Februar nunmehr 1 309 Euro pro Monat. „Damit liegt der Eigenanteil 100 Euro höher als noch im vergangenen Jahr“, ordnet der Geschäftsführer ein.

Auch in anderen Einrichtungen der Region ist der Anteil in vergleichbarem Umfang für die Bewohner gestiegen. Laut Pflegenavigator der AOK Gesundheitskasse müssen die Bewohner in der Pro Seniore Residenz Deulowitz mit 1311 Euro nun fast genauso tief in die Tasche greifen wie Pflegebedürftigen im Altenpflegeheim Rosa Thälmann. Im „Haus Zacharias“ des Kursana Konzerns müssen die Bewohner einen Eigenanteil von 1528 Euro bezahlen. Den höchsten Eigenanteil weist die „Herberge zur Heimat“ mit 1640 Euro auf.

Doch wie kommt es zu den Erhöhungen des Eigenanteils? „Die Steigung lässt sich im Wesentlichen auf die gestiegenen Personalkosten zurückführen“, erklärt Martin Reiher. Die Personalkosten hätten sich in den vergangenen drei Jahren um ein Drittel erhöht, auch jetzt wieder zum Jahreswechsel. „Zum einen gilt seit Jahresbeginn die nächste Stufe des Mindestlohns für Pflegehilfskräfte und Betreuungskräfte“, belegt Martin Reiher. Der Mindestlohn ist von 9,50 Euro auf 10,05 Euro gestiegen: „Dadurch muss natürlich auch der Lohn für die Fachkräfte angehoben werden“. Gleichzeitig sei der Personalschlüssel durch das Pflegestärkungsgesetz II weiter angehoben worden. Im Rosa-Thälmann-Heim gibt es nun vier Vollzeitstellen in der Pflege und der Betreuung mehr. „Der verbesserte Schlüssel kommt den Bewohnern zugute und auch die Erhöhung des Mindestlohns ist natürlich eigentlich eine positive Entwicklung“, sagt Martin Reiher. Gleichzeitig führe das aber auch zu einem Problem, denn die Pflegekassen haben ihre Zuschüsse nicht wesentlich erhöht. „Die Mehrkosten müssen daher an die Bewohner weitergegeben werden, und dadurch steigt der Eigenanteil überproportional an“, erläutert der Pflegeexperte. Aus anderen Bundesländern, wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, hat er sogar von Erhöhungen zwischen 500 und 600 Euro gehört und auch die AWO-Brandenburg hat zum März ihren Eigenanteil um etwa 700 Euro auf 2000 Euro erhöht.

„Die durchschnittliche Rente liegt in Brandenburg bei rund 1100 Euro im Monat. Unser Eigenanteil bei 1309 Euro – das passt nicht“, zeigt Martin Reiher auf. Diese Schere führe dazu, dass im Landkreis Spree-Neiße 25 Prozent der vollstationären Bewohner aktuell auf Sozialhilfe angewiesen sind. Die Dunkelziffer sei noch höher, denn häufig würden laut Reiher die Kinder einspringen, wenn es eng wird: „Das System funktioniert einfach nicht, und die Leidtragenden sind die Bewohner.“ Durch die tendenziell sinkenden Renten werde dieses Problem in Zukunft noch verstärkt. „Hier muss in der Politik etwas passieren“, fordert der Geschäftsführer. Allerdings hat er nur wenig Hoffnung auf eine schnelle Entspannung der Lage. „Leider ist im Entwurf des Koalitionsvertrags die Passage zur Pflege leidlich unkonkret“, sagt Martin Reiher. „Die 8 000 versprochenen zusätzlichen Stellen für Krankenhäuser und Pflegeheime sind bei bundesweit schon rund 13 500 Altenheimen nicht einmal eine Stelle pro Heim.“

*Name von Redaktion geändert

Bei Anruf: Reporter 4c
Bei Anruf: Reporter 4c FOTO: Janetzko, Katrin / LR
(Zeidler)