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| 15:42 Uhr

Geburtstag
Heilsarmee Guben feiert

Patrick Granat war der erste Heilsarmee-Chef in Guben. Als er damals an die Neiße kam, sprach er zunächst kein Wort deutsch. Heute hält Wencke Wanke die Fäden in der Hand.
Patrick Granat war der erste Heilsarmee-Chef in Guben. Als er damals an die Neiße kam, sprach er zunächst kein Wort deutsch. Heute hält Wencke Wanke die Fäden in der Hand. FOTO: Silke Halpick / LR
Guben. Freikirche engagiert sich seit 20 Jahren an der Neiße, ihrem einzigen Standort in Brandenburg. Von Silke Halpick

„Schickt mich dahin, wo es richtig hart ist“, soll Patrick Granat  1998 in San Francisco gesagt haben. Doch statt nach Russland, wie er dachte, sandte ihn die Heilsarmee nach Ostdeutschland – als ersten Leiter des Gubener Korps. Am Wochenende wird das 20-jährige Bestehen der Einrichtung gefeiert. Die freikirchliche Religionsgemeinschaft ist mittlerweile ein beliebter Anlaufpunkt in der Obersprucke.

„Das Umfeld ist genau das, wofür wir da sind“, sagt Wencke Wanke. Die gelernte Hotelfachfrau leitet seit zwei Jahren das Haus im Brandenburger Ring. In den Wohnblocks rund um die ehemalige Kita leben viele Familien mit nur geringem Einkommen und Menschen, die ihren Job verloren oder noch nie einen gehabt haben. All diesen will das Heilsarmee-Team mit drei Festangestellten und 20 Ehrenamtlern „eine Perspektive“ geben, wie Wanke sagt.

Gemeinsam wird bei der Heilsarmee Mittagessen gekocht, die Kinder finden Hilfe bei den Hausaufgaben, die Eltern, um Alltagsprobleme zu lösen.  „Wir sind offen für alle“, betont sie. Über Religion werde „in der Woche“ kaum gesprochen. Ausnahmen sind der einstündige Gottesdienst am Sonntag und die Bibelstunde am Donnerstag. Doch die sind nicht Pflicht. „Die Menschen spüren, dass wir unseren Glauben leben und authentisch sind. Deshalb kommen sie wieder“, sagt Wanke. Zwischen 20 und 30 Gäste sind es täglich.

Der Gubener Korps ist nach wie vor der einzige Heilsarmee-Standort im Land Brandenburg. Nach der Wende schrieb die Freikirche alle ostdeutschen Städte an, in denen sie einst Niederlassungen hatte, wie Wanke erzählt. Dazu zählte auch Guben. Hier eröffnete die Heilsarmee 1901 eine Gemeinde im heutigen Gubin. Später wurde die Arbeit aber wieder eingestellt. Zu DDR-Zeiten war die Heilsarmee im Osten nicht zugelassen.

Der Brief kam aber beim damaligen Gubener Bürgermeister Gottfried Hain nicht an, wie er bestätigt. Stattdessen stand die Heilsarmee „plötzlich in seinem Büro“. 1998 habe es viele leer stehende Kitas in der Neißestadt gegeben, Sozialarbeit im Wohnkomplex IV sei „sinnvoll und notwendig“ gewesen, wie Hain erzählt. Dem Verkauf der Immobilie stimmten auch die Stadtverordneten zu.

„Kein Fenster war heil, es gab weder Strom noch Wasser und überall lag Gerümpel“, erinnert sich Rolf Günther. Er war einer der Männer der ersten Stunde. Gemeinsam mit einer Handwerkergruppe des Obdachlosenheims in München renovierte der Vater der heutigen Apfelkönigin Lydia Günther das Haus.

 Ein Jahr lang dauerten die Arbeiten. Eine Wohnung für die ersten Heilsarmee-Aktivisten und ein Veranstaltungsraum wurden hergerichtet. Wenn Günther heute den sanierten Plattenbau sieht, ist er „begeistert“, „wie die Bude aufgemöbelt“ wurde.

Nicht nur die Außenfassade wurde gedämmt und gelb gestrichen, auch neue Räume für das Familiencafé oder den Jugendklub Pipe entstanden. Mit den Jahren wuchs der Zuspruch. Vor allem Christian Schleife, der sechs Jahre lang hier Chef war, begeisterte viele Gubener mit seiner unkonventionellen Art und seinem Engagement. So saß der gebürtige Chemnitzer auch als sachkundiger Einwohner im Sozialausschuss. Den Posten hat jetzt seine Nachfolgerin Wencke Wanke übernommen.

Finanziert wird die Einrichtung vor allem durch Spenden, einem Zuschuss vom deutschen Heilsarmee-Hauptquartier in Köln und den Einnahmen aus dem angeschlossenen Second-Hand-Shop. Der Landkreis fördert eine Personalstelle. In der Regelfinanzierung der Stadt Guben ist die Heilsarmee Guben jedoch nicht.