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Buchvorstellung
Hartmut Schatte begeistert Turner

Buchvorstellung von Hartmut Schatte
Buchvorstellung von Hartmut Schatte FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler / Zeidler, Michèle-Cathrin
Guben. Der Regionalhistoriker hat sein neustes Werk vorgestellt und für ein Wiedersehen gesorgt. Von Michèle-Cathrin Zeidler

Selbst der letzte Stuhl wurde am Dienstagabend noch aus der hintersten Ecke der Stadtbibliothek hervorgeholt und zum Veranstaltungssaal getragen. Rund 100 Besucher wollten sich hier die Buchvorstellung von Hartmut Schatte nicht entgehen lassen. Dieses Mal hat sich der Cottbuser Regionalhistoriker mit der Geschichte des Turnsports in Guben befasst. Gleichzeitig wurde der Abend zum großen Wiedersehen der ehemaligen Turnszene von Guben: Immer wieder schlossen sich sportliche Weggefährten voller Freude in die Arme.

Auch Hartmut Schatte stiegen beim Anblick der zahlreichen Zuschauer die Tränen in die Augen. Mit einem herzlichen „Sport frei“ begrüßte er seine ehemalige Kameraden. „Ich bin überwältigt“,  so der ehemalige Gubener. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, noch einmal mit seinen alten Sportkollegen das deutsche Sportlied  an zustimmen. „Marschieren müsst ihr heute Abend aber nicht“, gab der Autor Entwarnung.

An seinem 182 Seiten starken Werk „Alles im Griff - zur Geschichte des Gubener Turnsportes“ hat Hartmut Schatte fünf Jahre gearbeitet.  Mehr als 500 bisher weitgehend unveröffentlichte Bilder und Dokumente aus zwei Jahrhunderten hat der Regionalhistoriker zusammengetragen. „Vorher gab es keine Aufzeichnungen über den Turnsport in Guben“, erklärt der 72-Jährige, der von 1955 bis 1965 Mitglied der ersten Männermannschaft des Sportvereins „Fortschritt Guben“ war. „Ich wollte dieses Stück Geschichte dem Vergessen entreißen.“ Nach all der Arbeit ist er daher froh, einen weiteren weißen Fleck in der Geschichte von Guben gefüllt zu haben.

Bei dem Veröffentlichung handelt es sich nicht um eine statistische Chronik voller Ergebnistabellen. „Ich wollte ein fesselndes Buch schaffen, das unterhält und auch Laien in den Text zieht“, erklärt der Regionalhistoriker. Daher hat Hartmut Schatte mit über 70 ehemaligen Gubener Turnern gesprochen und ihre Geschichten in Steckbriefen festgehalten.

Auf Allgemeines über den Turnsport hat der Autor weitestgehend verzichtet. Dennoch räumt er mit einem Irrglauben auf. „Mit Turnen war ursprünglich Sport ganz allgemein gemeint“, erklärt der Experte. „Es war ein Sammelbegriff und selbst Leichtathletik, Gymnastik, Schwerathletik, Fechten und Reiten gehörten zum Turnen.“ Somit sei Turnen die Wiege des Sportes überhaupt. „Der Begriff ‚Sport’ wurde erst durch den Fürsten Hermann von Pückler nach Deutschland gebracht“, führt Hartmut Schatte weiter aus. Dieser kam in England mit dem Begriff „Sportsman“ in Berührung, der einen allgemein athletischen Menschen beschreibt.

Nach dem ersten deutschen Turnfest 1860 in Coburg schwappte der sportliche Enthusiasmus auch nach Guben.  „Wir waren Vorreiter und gründeten am 23. März 1861 den ersten Turnverein in der Niederlausitz“, erzählt Hartmut Schatte. Zwölf weitere Vereine sollten folgen. Die Turnfeste wurden schnell gesellschaftliche Höhepunkte: „Zu unserem Kreisturnfest im Jahr 1899 kamen 6000 Turner aus 108 Turnvereinen und 20 000 Zuschauer.“

Seine große Blütezeit erlebte der Gubener Turnsport von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg. Ab den 1970er-Jahren begann der Niedergang dieser Sportart. „Heute ist vom Turnsport in Guben bis auf eine Hausfrauengymnastikgruppe und eine Eltern-Kind-Gruppe nichts mehr übrig geblieben“, so Hartmut Schatte leicht wehmütig.

Dina Wust ist am Dienstag extra aus Magdeburg zur Buchvorstellung angereist. „Es ist toll, so viele alte Weggefährten einmal wiederzusehen“, erzählt die ehemalige Gubenerin, die in ihrer Kindheit und Jugend aktiv geturnt hat. Auch von ihr findet sich ein Steckbrief im Buch.  „Ich schätze seinen fesselnden Schreibstil sehr und ziehe den Hut vor seinem Fleiß und seiner Akribie“ so die langjährige Tanzpädagogin. „Ich hoffe, dass dieses Buch weiter publiziert wird und einen Beitrag gegen das Vergessen leistet.“

Auch Regina Kretschmar hält am Ende des Abends strahlend ein Expemplar in den Händen. Ihrem Ehemann Eberhard ist Hartmut Schatte besonders dankbar. „In diesem Buch wurde so viel gesammelt. Das ist einfach schön“, so die Nauenburgerin, die früher als Lehrerin in Guben unterrichtet hat.