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| 01:00 Uhr

Gubens Ärzte streiken

Guben.. Gelbe Din-A4-Schilder mit der Aufschrift „Protest. Keine vertragsärztliche Tätigkeit für Kassen“ werden am Donnerstag an den Praxen der Gubener Haus- und Fachärzte die Patienten zum Umkehren veranlassen. Der Ärzteprotest richtet sich gegen die wachsende Bürokratie und gegen die neue Gebührenordnung. Diese brachte seit April dieses Jahres den Medizinern Einbußen zwischen 20 und 40 Prozent. Von barbara remus

Durchschnittlich sieben Minuten Behandlungszeit für einen Patienten hat Dr. Andreas Keller mit seinem Praxisteam veranschlagt. Schon immer war das nicht sehr viel. Aber bei etwa 1300 Patienten pro Quartal - im Durchschnitt in der Region sind es pro Arzt etwa 900 - sei nicht mehr drin, sagt der Arzt. Seit etwa zwei Jahren habe sich diese Behandlungszeit noch etwa um ein Drittel reduziert. Grund: steil steigender bürokratischer Aufwand. Praxisgebühr einziehen, Quittungen schreiben und drucken, Einschreibeformulare für Hausarztverträge mit den Krankenkassen ausfüllen und versenden, Marken kleben, Formulare für Diabetes- und Herz-Kreislauf-Programme erstellen, seitenweise Sondernummern kennen und eintragen, Befreiungen ausfüllen, Überweisungen schreiben und vieles mehr - erst dann beginnt die Behandlung des Patienten. Auch die Tatsache, dass vor einer Krankenhauseinweisung jetzt immer noch eine Zweitmeinung eingeholt werden solle, bedeute mehr Aufwand als Nutzen.
„Die Honorare wurden immer weiter gekürzt bei gleichzeitig steigenden Aufwendungen für Bürokratie und notwendiger Neubeschaffung von Technik zur Durchsetzung gesetzlicher Bestimmungen“ , schreiben die Gubener Ärzte in einer Pressemitteilung. Der Mediziner müsse sich ständig fragen, ob er zum Beispiel nicht mit weniger Laboruntersuchungen auskommen und billiger behandeln könne. Sonst drohten zeit- und nervenraubende Kontrolluntersuchungen und Regresszahlungen. „Das ist so absurd, als ob Feuerwehrleute das Zuviel an Wasser bezahlen müssten, mit dem sie nach Din-Norm hätten löschen können. Aber in der ärztlichen Arbeit ist das traurige Realität“ , heißt es in der Pressemitteilung.
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und die Ärzte auf die Streikidee brachte, war die neue Gebührenordnung, die seit April dieses Jahres gilt. Dr. Keller sagt: „Etwa 60 Prozent aller unserer Kosten sind Fixkosten, also Personal-, Labor-, Miet-, Materialkosten und so weiter. Die bleiben oder wachsen auch, aber der Überschuss wird immer geringer.“
Für das Doktorenehepaar Dr. Barbara und Dr. Siegward Zyminski hatte die jüngste Quartalsabrechnung unter anderem die Konsequenz, neue EKG-Technik im Wert von 6000 Euro nicht zu kaufen. „Das kommt auf uns alle zu“ , sagt Dr. Keller. Die meisten Praxen seien vor 15 Jahren neu eingerichtet worden. Jetzt sei die Technik veraltet. Wenn 2006 die elektronische Patientenchipkarte eingeführt werde, müsse dafür in den Praxen ganz sicher neue Technik angeschafft werden.
Die jetzigen Honorarkürzungen hätten auch personelle Konsequenzen. In einem Fall könnte es passieren, dass eine Schwester nach der Probezeit keine Festanstellung erhalte. Auch der Arzt Ruchi Kassem sieht derzeit davon ab, eine weitere und notwendige Schwester einzustellen, obwohl er sehr viele Bewerbungen habe.
Dr. Ilse Schütze aus der Medizinischen Einrichtungsgesellschaft (MEG) spricht davon, dass die neue Gebührenordnung die Existenz der MEG bedrohen könne. Gottfried Hain, Verwaltungsdirektor des Wilkestiftes, auf dieses Problem angesprochen, macht auf die Auswirkungen der Honorarkürzungen für den Patienten aufmerksam: „Der Patient zahlt einen Kassenbeitrag, für den im Bedarfsfall Leistungen zu erbringen sind. Aber die Leistungserbringer werden dafür immer schlechter entlohnt und können immer weniger Leistungen erbringen.“ Vorzeitige Praxisschließungen drohen deshalb auch bei niedergelassenen Ärzten.
Die Gubener Ärzte machen noch auf eine Besonderheit im Osten Deutschlands, speziell in Brandenburg, aufmerksam: Aufgrund der Alterspyramide fällt hier pro Patient durchschnittlich nicht nur eine Arztkonsultation, sondern im Durchschnitt 3,2 an.
Die Gubener solidarisieren sich deshalb mit ihren Forster Kollegen und fordern mit dem Streik am Donnerstag: „Leistungsgerechtes Honorar und Entlastung von Bürokratie, weil nur so die medizinische Betreuung unserer Patienten gesichert werden kann.“ Am Streiktag ist die kassenärztliche Notfallversorgung gesichert.