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Gubener vermissen ihren Baum

Hartmut Sindermann ist erschüttert: "Das ist alles, was von unserer schönen Birke übrig geblieben ist", sagt er.
Hartmut Sindermann ist erschüttert: "Das ist alles, was von unserer schönen Birke übrig geblieben ist", sagt er. FOTO: Jana Pozar/zar1
Guben. Traurig blickt Gerd Franke aus seinem Fenster auf das gegenüberliegende, teilweise leer stehende Wohnhaus. Bis vor Kurzem stand vor seinem Balkon eine stattliche Birke, die sich diesen trostlosen Blick trotzig entgegenstellte. "Wir haben den Baum aufwachsen sehen und jetzt mussten wir zusehen, wie er stirbt", sagt Gerd Franke. Jana Pozar / zar1

Die Birke in der Goethestraße spendete Schatten und war das Zuhause für viele Vögel, die hier fröhlich um die Wette zwitscherten. Jetzt fliegen auch sie scheinbar traurig umher und suchen ihren gewohnten Ruheplatz in den Ästen. "Ein Türkentauben-Pärchen hatte gerade begonnen, ein Nest zu bauen. Diese Vogelart steht in Deutschland unter Schutz. Wie kann man sie schützen, wenn man sie ihres Lebensraums beraubt?", fragt Gerd Franke. Er schüttelt den Kopf.

Doch die Vögel sind nicht die Einzigen, die den großen Baum vermissen. "Wir haben keine Freude mehr am Blick aus dem Fenster. Unsere Wohnqualität hat sich mindestens um 50 Prozent verringert", sagt Gerd Franke. Nachbar Hartmut Sindermann stimmt ihm zu. "Legt denn die Gubener Wohnungsbaugesellschaft keinen Wert mehr auf Wohnqualität?", fragt er. Beide können nicht begreifen, warum die Birke gefällt wurde. "Sie war bis in die Spitzen gesund, hatte keinen dürren Ast", versichert Franke. Der Rentner kennt sich eigenen Angaben zufolge mit Bäumen aus, schließlich ist er an einer Obstplantage groß geworden. "Die abgesägten Äste und der übrig gebliebene Baumstumpf bluteten nach dem Fällen, das ist ein Zeichen, dass der Baum vollkommen gesund war", betont Gerd Franke.

Sindermann und Franke wissen, dass sich eine Mieterin im Haus über mangelndes Sonnenlicht im Wohnzimmer beklagt hatte. "Sie wollte aber nur, dass die Äste ausgedünnt werden und nicht der ganze Baum gefällt wird", sagt Hartmut Sindermann. Er kann nicht verstehen, dass nicht auch andere Genossenschaftsmitglieder im Haus gefragt wurden, ob sie sich beeinträchtigt fühlen. Außerdem habe er beobachtet, dass der Baum nur oberflächlich begutachtet wurde. "Ein Mitarbeiter vom Ordnungsamt hat aus etwa 20 Metern Entfernung ein Foto von der Birke gemacht", sagt Sindermann.

Dem widerspricht Thomas Gerstmeier, Vorstandsvorsitzender der Gubener Wohnungsbaugenossenschaft (GWG). "Der Leiter der Instandhaltung hat sich den Baum im Vorfeld genau angeschaut und Bedenken geäußert", betont Gerstmeier. Die Wuchsform und die Höhe des Baumes seien mittlerweile zur Gefahr geworden. Der Stamm, der sich am unteren Ende gabelte, sei geneigt gewesen. Mit etwa 23 Metern Höhe habe der Baum bereits über das Gebäude hinausgeragt und sei somit aus dem Windschatten herausgewachsen. Zudem habe der Baum nur etwa acht Meter vom Gebäude entfernt gestanden. "Bei stärkerem Wind hätte die Birke schnell umkippen können. Und wenn sie in den Fenstern oder auf den Balkonen unserer Genossenschaftsmitglieder gelandet wäre, hätte man uns fehlende Sicherheitsmaßnahmen vorgeworfen", sagt Thomas Gerstmeier. Die Sicherheit hatte die Genossenschaft beim Entschluss, den Baum zu fällen, auch aus einem anderen Grund im Blick. "Die große Krone versperrte den Zugang zu Fenstern und Balkonen, die im Notfall von Rettungskräften genutzt werden müssen", erklärt Gerstmeier. Die Fällung erfolgte mit Genehmigung der Stadt Guben. Gerstmeier verspricht den Bewohnern, in naher Zukunft eine Ersatzpflanzung vorzunehmen. "An geeigneter Stelle wird ein geeignetes Gewächs gepflanzt. Kleinwüchsig, im beherrschbaren Bereich und mit einem größeren Abstand zum Gebäude", sagt der GWG-Vorstandsvorsitzende.

Mit einem symbolischen Akt, Vorstand und Mitglieder werden die Ersatzpflanzung gemeinsam in die Erde setzen, will Gerstmeier die aufgewühlten Wogen wieder glätten.