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Guben/Forst
Gubener übernehmen Familienberatung in Forst

Pastor Stefan Süß im Gespräch mit Susanne Beley und Nicole Gesikiewicz-Baumgarten (v.l.) von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle.
Pastor Stefan Süß im Gespräch mit Susanne Beley und Nicole Gesikiewicz-Baumgarten (v.l.) von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle. FOTO: Halpick
Guben/Forst. Der bisherige Träger zieht sich aus wirtschaftlichen Gründen zurück. Das Naemi-Wilke-Stift will ab 2018 die Erziehungs- und Familienberatungsstelle weiterführen. Von Silke Halpick

Das Gubener Naemi-Wilke-Stift übernimmt ab 2018 die Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Forst. Das Paul-Gerhardt-Werk als aktueller Träger hat den neuen Vertrag mit dem Landkreis Spree-Neiße nicht unterschrieben. Grund sei die nicht auskömmliche Finanzierung, heißt es.

„Wir zahlen tarifliche Gehälter“, sagt Dirk Wollgast, Leiter des Regionalverbundes Brandenburg des Paul-Gerhardt-Werkes, auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Schon seit einigen Jahren gebe es eine Lücke zwischen der vom Landkreis getragenen Finanzierung und den tatsächlich anfallenden Kosten. Der Ausstieg aus der Erziehungs- und Familienberatungsstelle habe vor allem betriebswirtschaftliche Gründe, wie Wollgast betont.

Das Paul-Gerhardt-Werk ist eine diakonische Einrichtung, die sich um Menschen kümmert, die in persönlichen Notlagen, seelischer Bedrängnis oder finanziellen Schwierigkeiten leben. Doch der Ausgleich von defizitären Bereichen sei für die gemeinnützige Einrichtung schwierig, wie Wollgast erklärt. Auch andere Projekte seien zusätzlich zu bezuschussen. Am Netzwerk Gesunde Kinder mit Standorten in Forst, Kolkwitz und Cottbus sowie den Familien- und Nachbarschaftstreffs in Forst, Peitz und Kolkwitz will das Paul-Gerhardt-Werk festhalten.

Neuer Träger der Forster Erziehungs- und Familienberatungsstelle wird ab Januar das Naemi-Wilke-Stift aus Guben. Als „gute Lösung“ bezeichnet Herrmann Kostrewa, Sozialdezernent beim Landkreis Spree-Neiße, diese Variante. Gerhardtwerk und Wilkestift gehören beide zur Diakonie, zwei der drei Forster Mitarbeiter wechseln zum neuen Träger, mit dem erhöhten Personal könne auch ein Personalengpass besser ausgeglichen werden, begründet er.

„Die Forster Beratungsstelle hat eine gute Arbeit geleistet“, sagt Kostrewa. Zu den Gründen der Vertragskündigung will er sich nicht näher äußern. Der Landkreis fördert Erziehungs- und Familienberatungsstellen in verschiedenen Trägerschaften an vier Standorten. Dazu gehört auch das Albert-Schweizer-Familienwerk in Spremberg. Solche Beratungsstellen sind nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz Pflichtleistungen.

Die Gründe für die Beendigung der Trägerschaft sind in Guben bekannt. „Wir haben die Leistungsvereinbarung unterzeichnet, weil es dieselben Konditionen wie in unserer Beratungsstelle sind“, sagt Pastor Stefan Süß, Rektor des Naemi-Wilke-Stiftes. Auch die Gubener Einrichtung zahlt eigenen Angaben zufolge Löhne auf tariflicher Grundlage. Am Gehalt für die beiden gewechselten Mitarbeiter ändere sich nichts, so Süß. Er ist optimistisch, dass das Modell funktioniert. „Der Landkreis hat eine deutliche Erhöhung des Zuschusses für 2018 vorgenommen“, sagt er.

Der neue Vertrag für die Forster Beratungsstelle ist zunächst auf ein Jahr befristet. „Ende 2018 werden wir prüfen, ob sich das Modell bewährt“, sagt Kostrewa. Üblicherweise werden die Finanzierungsverträge mit den Trägern über einen Zeitraum von zwei Jahren abgeschlossen und in der Regel immer wieder verlängert. Das Netzwerk funktioniere schon seit mehr als 20 Jahren, so Kostrewa.

Seit 2002 hat auch das Naemi-Wilke-Stift eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Guben. Rund 120 Familien wurden im vergangenen Jahr hier von Fachkräften mit psychologischem, sozialpädagogischem und theologischem Hintergrund betreut. Die Gesamtzahl der Fälle ist im Vergleich zu 2015 zurückgegangen, dafür werden die Probleme komplexer. Besonders häufig benötigen Kinder aus Scheidungsfamilien Hilfe.

Allerdings lag die Zahl der geleisteten Beratungen mit 2170 Stunden über dem mit dem Landkreis vereinbarten Soll von 1872 Stunden. Den Überhang trägt das Wilkestift. Auch der Bereich der Ehe-, Partnerschafts- und Lebensberatung wird aus eigenen Mitteln finanziert.

Schwerpunktmäßig ist das Naemi-Wilke-Stift im Bereich der Gesundheitsversorgung aktiv und unterhält das Krankenhaus in Guben sowie die Medizinische Einrichtungsgesellschaft mit ambulant tätigen Ärzten. Im Bereich der Jugendhilfe betreibt die Stiftung einen Kindergarten, eine Eltern-Kind-Gruppe sowie ein Netzwerk Gesunde Kinder.