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Gubener Praxis wiegt mehr als Theorie

Guben. Die Neunt- und Zehntklässler der Europaschule arbeiten mittwochs für sieben Stunden in ihren Praktikumsbetrieben. Dadurch soll ihnen die Berufswahl erleichtert werden. Der Startschuss für das Projekt Praxislernen fiel vor zweieinhalb Jahren. Von Sophie Bartholome

Von Bäckerin, Bankkaufmann, Elektriker bis hin zum Kfz-Mechaniker: Die Auswahl ist groß. Während einige Schüler bereits ab der siebten Klasse genau wissen, in welchem Beruf sie später arbeiten möchten, fällt anderen die Wahl nicht so leicht. Die Europaschüler bekommen deshalb bei der Berufswahl Hilfestellung: Statt zum Unterricht gehendie Neunt- und Zehntklässler jeden Mittwoch für sieben Stunden in ihre Praktikumsbetriebe. Das Projekt Praxislernen gibt es seit zweieinhalb Jahren und es ist Zeit, Bilanz zu ziehen: Was funktioniert gut und was sollte verbessert werden?

Die Projektverantwortliche der Schule Cordula Müller ist überzeugt, dass die Lernmotivation gesteigert wird. "Die Schüler erfahren selbst die Ansprüche der Wirtschaft", sagt Müller. Dadurch wissen sie, in welchen Fächern sie besonders fit sein und mit guten Noten glänzen müssen. Doch noch nicht jeder Europaschüler hat den Ernst der Sache begriffen: Die Unternehmen bemängeln bei einigen Schülern das fehlende Verantwortungsgefühl, Unpünktlichkeit und mangelnde Kritikfähigkeit. Stephan Hennersdorf, der Geschäftsführer von "Schanzes Teiledienst", findet das Praxis-Projekt generell sehr gut. "Dadurch haben die Schüler viel mehr Möglichkeiten als wir früher. Einige müssen aber lernen, sich abzumelden, wenn sie beispielsweise krank sind", sagt der Gubener. In seinem Betrieb arbeiteten bereits drei Schüler.

Wer das Praxis-Projekt ernst nimmt, bei dem kristallisiert sich mittlerweile sogar ein klarer Berufswunsch heraus. Zehntklässler Florian Wilbrecht hat bereits im sozialen, kaufmännischen und handwerklichen Bereich wertvolle Erfahrungen gesammelt: "Erst war ich im Jugendclub Comet, dann im Penny-Markt und gerade arbeite ich im Grießener Unternehmen Laborinstrumente Gerd Schneider", sagt der Schüler. Vor allem im derzeitigen Betrieb macht ihm die Arbeit besonders viel Spaß: Der Zehntklässler darf hier selbstständig schleifen, polieren und stanzen. Im Metallbereich arbeiten - das wünscht er sich derzeit für seine Zukunft.

Auch Christopher Hähnel hat einen Praktikumsbetrieb gefunden, in dem er mit Schwung und Freude seinen Arbeiten nachgeht. Dank des Projekts weiß er nun genau, dass ein Job hinter dem Schreibtisch nichts für ihn ist, denn im Naemi-Wilke-Stift erledigte er vorrangig Büroarbeiten. In der Gärtnerei kann er nun selbstständiger arbeiten, ist an der frischen Luft, topft Blumen um oder bringt Abfälle weg. "Hier gibt es immer was zu tun", sagt der Schüler, und fügt hinzu: "Ich will nach der Schule auf jeden Fall den Weg der Landwirtschaft gehen."

Die Europaschüler suchen sich auf eigene Faust einen geeigneten Praktikumsbetrieb. Manch einer lernt dabei schon den harten Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt kennen. Auch Jessica Walega entschied sich daher, ihr Praktikum im Familienbetrieb, eine Speditions- und Transportfirma in Gubin, zu absolvieren. "Dort brauche ich vor allem die Fremdsprachen Englisch und Polnisch", so die Schülerin.

Durch Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse sammeln die Schüler Erfahrungen und werden fit für die Ausbildung gemacht. Manch einer findet vielleicht schon während des Praktikums einen Ausbildungsplatz. Mittlerweile können sie auf über 70 Unternehmen zurückgreifen. "Die größte Hürde am Anfang des Projektes bestand darin, Kooperationspartner zu finden", sagt Schulleiterin Berit Kreisig. Inzwischen erkundigen sich Betriebe sogar eigenständig nach dem Praxis-Projekt.