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Guben will nicht sorbisch sein

Auch wenn in Groß Breesen noch gezampert wird – die Spuren sorbisch/wendischer Traditionen in Guben seien kaum der Rede wert, sagt Historiker Andreas Peter. Seiner Einschätzung nach ist die Neißestadt nicht Teil des sorbisch/wendischen Siedlungsgebietes.
Auch wenn in Groß Breesen noch gezampert wird – die Spuren sorbisch/wendischer Traditionen in Guben seien kaum der Rede wert, sagt Historiker Andreas Peter. Seiner Einschätzung nach ist die Neißestadt nicht Teil des sorbisch/wendischen Siedlungsgebietes. FOTO: Augustin
Guben. Rund 1,6 Prozent der Gubener waren im Jahr 1900 sorbisch/wendische Muttersprachler – der Höchststand in der Geschichte der Neißestadt, sagt Historiker Andreas Peter. Der Sorbenrat erkennt trotzdem eine reiche sorbisch/wendische Tradition. Daniel Schauff

"Keinerlei Bestrebungen" gebe es in Guben, künftig Teil des sorbisch/wendischen Siedlungsgebietes zu werden, hatte der amtierende Bürgermeister Fred Mahro schon vor Wochen der RUNDSCHAU erklärt. Kurz zuvor war Domowina-Regionalsprecherin Ute Henschel in Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretersitzungen in der Region zu Gast, um die Kommunalpolitiker über die zahlreichen sorbisch/wendischen Spuren in den jeweiligen Städten und Gemeinden aufzuklären und sie für den Beitritt zum angestammten Siedlungsgebiet zu erwärmen. In Guben hatte die Domowina keinen Halt gemacht - auf Nachfrage hatte Ute Henschel Mahros Einschätzung bestätigt. Ein Vorsprechen in der Stadtverordnetenversammlung sei aufgrund der mangelnden Offenheit dem Thema gegenüber in der Neißestadt zwecklos, so das Urteil vonseiten der Domowina.

Dennoch werden sich die Gubener Stadtverordneten in der kommenden Woche für ein Ja oder Nein zu einem Beitritt zum Siedlungsgebiet entscheiden müssen. Der Grund: Der Sorben/Wenden-Rat hat ohne Unterstützung der Stadtverwaltung und -verordneten einen entsprechenden Antrag beim brandenburgischen Kulturministerium eingereicht. Das Ministerium will nun eine Stellungnahme aus der Gubener Verwaltung.

Stadthistoriker Andreas Peter hat dafür in einem mehrseitigen Gutachten die vom Sorben/Wenden-Rat angeführten sorbisch/wendischen Spuren in Guben unter die Lupe genommen. Zunächst, sagt Peter, habe er sich von der Ernsthaftigkeit überzeugen müssen. Auch er hält einen Beitritt zum Siedlungsgebiet für falsch. "Das passt nicht zu Guben", sagt Peter und übt gleichzeitig Kritik am vom Rat beim Ministerium eingereichten Antrag. So seien Zitate möglicherweise absichtlich verfälscht worden, um die Argumentation für Gubens sorbisch/wendische Geschichte zu untermauern, sagt Peter. Der Antrag etwa bezieht sich auf eine slawische Siedlung "von" 1235, aus der laut Historiker Rudolf Lehmann später Guben entstand. Lehmann aber schrieb von einer slawischen Siedlung "vor" 1235, die längst nicht mehr existiert habe, als Guben entstanden sei, so Peter. Zudem beziehe sich der Antrag "allzu oft auf Dörfer der Umgebung von Guben", nicht aber auf die Stadt Guben. Weder für die zweisprachige Bezeichnung Gubens am Bahnhof noch auf Poststempeln gebe es von Deutscher Bahn und Post eine Erklärung, berichtet Peter. Zudem sei das Argument verwirrend, weil auch der polnische Name Gubens "Gubin" laute. Ebenfalls sei ein Auftritt des sorbisch/wendischen Sängers Pittkunings in Guben noch kein Indiz für eine sorbisch/wendische Tradition in der Stadt - dann, so Peter, müsste auch der Auftritt eines Gospelchors ein Hinweis auf amerikanische Kultur in der Stadt sein.

Gerade einmal zwei Argumente fallen Peter ein, die für eine sorbisch/wendische Kultur in Guben sprechen - der Stadtname, der vom sorbisch/wendischen "Guba" stamme und Mündung bedeute, sowie die slawische Besiedlung auf dem heutigen Stadtgebiet Gubens - lange bevor die Stadt entstand. Die Liste mit Gegenargumenten ist umso länger. Peter bezieht sich vor allem auf die längst nicht mehr üblichen sorbisch/wendischen Bräuche und Hinterlassenschaften, die seit Jahren nicht mehr gepflegt würden. Man könne die sorbisch/wendische Kultur nicht über Jahre verkommen lassen, um sie dann plötzlich wieder aufleben lassen zu wollen, sagt Peter.

Zum Thema:
Eine Novellierung des Sorben/Wenden-Gesetzes macht den Beitritt weiterer brandenburgischer Kommunen zum angestammten Siedlungsgebiet möglich. Die Domowina wollte Städte und Gemeinden in der Region von einem gemeinsamen Antrag beim Ministerium überzeugen, hatte aber laut Gesetz auch die Möglichkeit, einen Antrag ohne Zustimmung der Stadträte und -verwaltungen einzureichen.