ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:27 Uhr

Auftakt der Diskussion
Ein Tarif fürs Thälmannheim?

 Die Gubener Sozialwerke betreiben unter anderem das Rosa-Thälmann-Heim im Hintergrund. Jetzt diskutieren Gewerkschafter und Geschäftsführung über die Gehälter der Mitarbeiter.
Die Gubener Sozialwerke betreiben unter anderem das Rosa-Thälmann-Heim im Hintergrund. Jetzt diskutieren Gewerkschafter und Geschäftsführung über die Gehälter der Mitarbeiter. FOTO: lr / Engelhardt
Guben. Gubener Sozialwerke und Ver.di stehen bei ihren Verhandlungen erst am Anfang.

Stehen für die Gubener Sozialwerke gGmbH (GSW), die unter anderem das Rosa-Thälmann-Heim betreiben, in Kürze Tarifverhandlungen auf dem Programm? Wenn es nach der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geht, wird diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Erst vor wenigen Tagen hatte Gewerkschaftssekretär Ralf Franke das Unternehmen zu derartigen Verhandlungen aufgefordert.

Geht es nach der Geschäftsführung, lautet die Antwort „Ja, aber. . .“ Geschäftsführer Martin Reiher sagt: „Wir sperren uns nicht gegen Verhandlungen, aber wir müssen vorher exakte Zahlen haben, was eine Tariferhöhung für finanzielle Folgen hätte.“ Die Zahlen will Reiher dem Aufsichtsrat Ende des Monats vorlegen. Das Spannende: Es gibt mehrere Szenarien, wie die Tarife bei den Sozialwerken erhöht werden könnten – mit recht unterschiedlichen finanziellen Konsequenzen.

Ausgangspunkt ist, dass die GSW derzeit kein Mitglied eines Arbeitgeberverbandes sind und auch keinen eigenen Tarifvertrag mit einer Gewerkschaft abgeschlossen haben. Trotzdem habe es in den vergangenen Jahren immer wieder Erhöhungen der Stundenlöhne gegeben. So sei die Vergütung von Fachkräften von 2013 bis 2019 von einem Stundenlohn von 11 Euro auf 15 Euro gestiegen. Und bei Mitarbeitern, die den Pflegemindestlohn verdienen, sei die Vergütung im selben Zeitraum von 7,50 Euro auf 10,55 Euro pro Stunde gestiegen.

Und auch für das kommende Jahr steht bereits laut Personalkonzept ein Zuwachs fest: Auf 15,50 Euro bei den Fachkräften und auf 10,85 Euro bei den Mindestlohn-Mitarbeitern. Die Sozialwerke würde diese Erhöhung im kommenden Jahr zusätzlich etwa 90 000 Euro kosten.

Dies freilich deckt sich nicht mit dem Ziel der Gewerkschaft. Diese würde es am liebsten sehen, wenn die GSW ihre Mitarbeiter nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes bezahlt. Das würde eine Steigerung der Stundenlöhne auf 20,34 Euro bei den Fachkräften und im Mindestlohn-Bereich auf 18,87 Euro bedeuten. Statt 90 000 Euro würden die Mehrkosten nach einer ersten Rechnung um mehr als eine Million Euro wachsen – laut Reiher „eine exorbitante Steigerung“.

Neben den zwei beschriebenen Varianten gibt es noch die Möglichkeiten, dass die GSW dem Bundesverband Privater Anbieter sozialer Dienste oder der Paritätischen Tarifgemeinschaft beitreten. In beiden Fällen würden die Mehrkosten im sechsstelligen Bereich liegen.

Doch egal, welche Variante: Die Mehrkosten müssten sich die Sozialwerke laut Reiher über die Entgelte ihrer Bewohner zurückholen. Die liegen momentan bei 1396,10 Euro pro Monat. Bei einer Steigerung laut hauseigenem Personalkonzept würden sie im kommenden Jahr auf etwa 1500 Euro steigen, bei einer Steigerung laut des Tarifvertrages des Öffentlichen Dienstes hingegen auf circa 2100 Euro. Es sei fraglich, inwiefern sich alle derzeitigen Bewohner eine solche Steigerung leisten könnten. Und auch auf die Wirtschaftlichkeit des neuen Pflegefachzentrums auf dem Terrain der ehemaligen Wilhelm-Pieck-Schule hätte der Mehraufwand beim Personal Folgen. Deshalb lautet Reihers Ziel: „Verhandlungen mit Augenmaß“.

Ralf Franke würde unterdessen gern noch ein wenig mehr Tempo machen. „Die Gewerkschaftsmitglieder unter den Mitarbeitern sind ungeduldig.“ Gleichwohl sei der Termin der nächsten Aufsichtsratssitzung am 30. September nicht mehr alzu weit hin. Franke plädiert dafür, dass sich die GSW schnellstmöglich dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes oder einer der beiden Verbände anschließen. „Über die Arbeitsbedingungen in der Pflege reden alle. In dem Fall hat die Stadt die Möglichkeit, unmittelbaren Einfluss darauf zu nehmen.“ Die Stadt Spremberg habe beispielsweise den Beitritt der Behindertenwerk GmbH in die Paritätische Tarifgemeinschaft forciert.

GSW-Aufsichtsratchef Herbert Gehmert will ebenfalls die Vorlage vergleichender Zahlen abwarten: „Die Forderung der Gewerkschaft ist durchaus legitim, dass versucht wird, Tempo zu machen, ist normales Prozedere“, sagt er. „Wir müssen aber die gesamte wirtschaftliche Situation betrachten und sehen, dass sich die Sozialwerke aktuell in einigermaßen sicherem Fahrwasser befinden.“

(ten)