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Guben ehrt seine Spediteure

Almut Wilke (r.) im Gespräch mit ihrer Mutter über die für die Spedition bedeutsamen Geschäftsbücher.
Almut Wilke (r.) im Gespräch mit ihrer Mutter über die für die Spedition bedeutsamen Geschäftsbücher. FOTO: Halpick
Guben. Natürlich wollen alle den legendären Stufensetzer sehen, mit dem die Spedition erst kürzlich einen tonnenschweren Trevira-Panzerschrank transportierte. "Für den ersten Treppenabsatz haben wir eine halbe Stunde gebraucht", erzählt Geschäftsführer Thomas Wilke. Silke Halpick

Aber auch die beiden dicken Geschäftsbücher, die Finanzbuchhalterin Clara Ambrosius nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem polnischen Teil der Stadt rettete und dafür persönliche Sachen zurückließ, standen im Interesse der Besucher. "Ohne sie hätte es kein Weiter gegeben", erinnert sich der ehemalige Geschäftsführer August Wilke. Die 200-jährige Geschichte des Gubener Speditionsunternehmens Wilhelm Wilke mit aktuell 34 Mitarbeitern ist geprägt von historischen Brüchen und unterhaltsamen Anekdoten. Im Jahr 1817 als Handelsgeschäft gegründet, überdauerte das Familienunternehmen zwei Weltkriege und fünf Staatsformen. Die Spedition ist eines der ältesten aktiven Unternehmen im Land Brandenburg. Die beiden Cousins Thomas und Andreas Wilke führen die Geschäfte in sechster Generation. Tochter Tabea Wilke arbeitet als potenzielle Nachfolgerin bereits in der Disposition mit. "Eine Vernissage aus diesem Anlass ist so einzigartig, dass sie die Anwesenden wohl nur einmal erleben werden", sagt Peter Kopf, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus. Wohl auch deshalb kamen die Gubener sprichwörtlich in Scharen zur Eröffnung am Dienstagabend. Das mittelständische Logistikunternehmen, das sich auf den Transport von Chemiefasern und Granulaten spezialisiert hat, setze die "Tradition des ehrbaren Kaufmanns" fort, wie Kopf betont.

Stadthistoriker Andreas Peters steuert eine Episode aus DDR-Zeiten bei, die er selbst als "sehr berührend" empfinde. 1953 wurden die damaligen Geschäftsführer Wilhelm und August Wilke, die sich der Zwangsverstaatlichung lange widersetzen konnten, unter fadenscheinigen Gründen verhaftet. Die Belegschaft forderte daraufhin in einem Brief an den Generalstaatsanwalt: "Lassen Sie unsere Chefs frei!" So etwas sucht seinesgleichen. Die Sonderausstellung über das Ausnahmeunternehmen ist bis zum 29. Juni im Stadt- und Industriemuseum Guben zu sehen. Gezeigt werden 130 Fotos, 14 Ausstellungstexte, Korrespondenzen, Frachtbriefe und Arbeitsgeräte.