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| 01:04 Uhr

Franziska lernt lesen und schreiben

Vor fünf Jahren hatte der „Wir helfen“ -Beirat der LAUSITZER RUNDSCHAU über den Fall der schwerstkörperbehinderten Franziska entschieden. 4800 Mark wurden damals für die ärztlichen Behandlungskosten vom „Wir helfen“ -Konto beglichen. Das jetzt 16-jährige Mädchen hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Hans-Joachim Bergmann

„Opa, ich möchte so gern laufen können.“ Diese leise vorgetragene Bitte hat mich sehr betroffen gemacht.
Franziska (16) und Stefan (18) waren im Juli in Truskawetz in der internationalen Rehabilitationsklinik in der Ukraine. Die lange Strecke von über 800 Kilometern haben sie mit einem VW-Bus zurückgelegt. Stefan ist schwerstbehindert und wurde von Oma und Opa Korn aus Forst begleitet. Fränzi war mit ihrer Gubener Oma unterwegs.
Bei der diesjährigen Reise gab es einen Zwischenstopp im Hotel Tar nowia in Tarnow. Und an der polnisch-ukrainischen Grenze klappte es mit der Abfertigung auch besser als im Vorjahr, die Abfertigungszeit betrug nur eine Stunde, die Gruppe konnte problemlos vorfahren.
Nur die Straßen in der Ukraine sind nicht besser geworden, die Beschilderung auch nicht - sie fehlt einfach. So blieben Umwege nicht aus. Die Auskunftgeber dagegen waren freundlich und geduldig.
Truskawetz liegt am Rande der Karpaten, die Luft ist sehr sauber, Wasser gibt es und Wald und viele arme Menschen. Die neue Klinik ist ein wunderbares Haus geworden. Von außen gleicht der mächtige Komplex einem orthodoxen Kloster. Die Klinik fügt sich gut in die Landschaft ein. Im achtstöckigen Turm sind die Behandlungsräume. Der sich anschließende Gebäudeteil dient den Patienten. Die Zimmer haben Balkone und sind alle mit Blick zum See. Den runden Turm schließt sich ein verglastes Stockwerk an.
Die Innenausstattung der Klinik erfolgte mit natürlichen Materialien. In den Patientenzimmern sind Türen und Möbel aus massivem, unbehandeltem Birkenholz. Die Birke ist eine traditionelle ukrainische Heilpflanze. Die Bettwäsche ist aus reinem Leinen. Pastelltöne, warme gedeckte Farben in Blau und Grün, schaffen eine entspannende Atmosphäre. Auch die begleitenden Eltern oder Großeltern sollen sich wohl fühlen.
In jedem Zimmer ist auch ein kleiner blauer Stein, der das Auge Gottes symbolisiert. Er steht für Geborgenheit und Schutz. Und dann ist in jedem Zimmer noch eine Lampe mit dem Motiv einer „Menschenblume“ . Denn der Mensch soll aufblühen. Nicht nur einzelne Komponenten werden in Truskawetz behandelt, sondern der Mensch steht als Ganzes in der Therapie.
Die Tiffany-Arbeiten im Haus stammen von jungen ukrainischen Künstlern. Die Idee kam vom Professor Kozijavkin, der von seinen Patienten nur liebevoll Professor Knacks bezeichnet wird, und seiner Tochter, einer Neurologin, die über Kunsttherapie promoviert hat. Die Inneneinrichtung erinnert an Jugendstil und Wiener Sezession. Jugendstil als Aufbruch - Aufbruch in den Frühling -, verbunden mit dem Kloster als Verwurzelung der Tradition und Bewahrung von überliefertem Wissen.
Die beiden Jugendlichen hatten in den 14 Tagen des Aufenthaltes ein umfangreiches Programm zu absolvieren. Täglich standen neurophysiologische Behandlungen, Reflextherapien, Massagen, Krankengymnastik, Gesichtsmassagen, Biomechanik, Laufbahn, Rhythmusübungen in der Tanzhalle, Gelenkbehandlungen auf dem Programm. Und dann gab es als Abwechslung eine Kinderolympiade, Elternabende, das gut eingerichtete Spielzimmer. Opa Korn brauchte auf die Tour-de-France-Berichte jedenfalls nicht zu verzichten.
Auch der Markt mit seinem Angebot - Schnitzereien, Ketten, Schmuck, Obst, Gemüse und Kräuter - wurde gern besucht. Über den Zaun wurden mitgebrachte Kleider gereicht, die von armen Leuten gern genommen wurden.
Ein besonderer Eindruck: In der Ukraine duften die Wiesen noch. Aber auch die Auswirkungen von Tschernobyl sind da.
Hubertus von Voss, ein Universitätsprofessor aus München, befürwortet die Rehabilitation nach Kozijavkin. „Die infantile Cerebralparese (ICP) zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nach Art und Schwere der Schädigung am Zentralnervensystem auch über die Jahre der individuell sichtbar werdenden Entwicklung bei dem einzelnen Kind klinisch erheblich verändern kann. Kein Kind mit ICP gleicht dem anderem Kind mit ICP.“
Für Franziska bedeutete das nach dem zehnten Behandlungszyklus in Truskawetz, dass sich ihr Zustand verbessert hat, sie lockerer und ausdauernder geworden ist, dass sich Konzentrationsvermögen und Aufmerksamkeit, Denkleistungen verbessert haben. Sie lernt nun lesen und schreiben, läuft in der Schule mit dem Rollator, die antiepileptische Therapie konnte abgesetzt werden. Absenzen sind auf gleichem Niveau geblieben, und die Feinmotorik hat sich verbessert. Aber immer und immer muss auch weiter geübt werden, sind Massagen, Schwimmen, Reiten und Fahrradfahren wichtig.
Als der Professor bei einem Elternabend über seine Arbeit, seine Probleme und seine Methoden berichtete, meldete sich Franziska selbstbewusst: „Und deshalb sind wir hier.“
Auch in Zukunft werden Patienten aus ganz Europa die Klinik in Truskawetz aufsuchen. In Zukunft soll in jedem Zimmer eine Internetanschlussmöglichkeit sein, soll eine nahe Mineralquelle für Hydrotherapie genutzt werden, soll ein kleines Schwimmbad gebaut werden. Außerdem ist an Kunst- und Musiktherapie gedacht und an die Eroberung der ukrainischen Küche.