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Ausbildung
Wo Schüler für die Praxis lernen

Auch als Lehrling muss Alexander John Janas (l.) gleich ran an die kaputten Fahrzeuge. Ausbilder Thomas Grunewald schaut ihm dabei in der Cottbuser Niederlassung über die Schulter.  Foto: S. Halpick
Auch als Lehrling muss Alexander John Janas (l.) gleich ran an die kaputten Fahrzeuge. Ausbilder Thomas Grunewald schaut ihm dabei in der Cottbuser Niederlassung über die Schulter. Foto: S. Halpick FOTO: SIlke Halpick / LR
Guben. Gubener Unternehmen nutzen das Kooperationsprojekt, um Fachkräfte an die Region zu binden. Von Silke Halpick

Über das Projekt „Praxislernen“ hat der ehemalige Europaschüler Alexander John Janas den Beruf des Kfz-Mechatronikers kennengelernt. Seit September ist er Auszubildender bei seinem Praxisbetrieb. Die enge Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft ist ein Erfolgsmodell und wird von den hiesigen Unternehmen verstärkt dafür genutzt, Fachkräfte an die Region zu binden.

„Unser Credo ist, die eigenen Mitarbeiter auch selbst auszubilden“, betont Dirk Fischer, Inhaber des gleichnamigen Autohauses mit Niederlassungen in Guben, Cottbus und Forst. Damit habe er gute Erfahrungen. „Die Bindung zum Betrieb ist ganz anders“, begründet er. Mehr als 20 Lehrlinge wurden seit der Wende hier ausgebildet. Viele von ihnen arbeiten noch immer im Betrieb, andere sind nach absolvierter Meisterprüfung jetzt selbst Unternehmer.

Der 19-jährige Alexander John Janas ist über Umwege in den Kfz-Betrieb gekommen. „Ich wollte zur Bundeswehr oder Bundespolizei“, räumt er ein. Doch ein Hörschaden, verursacht durch eine Erkrankung in der Kindheit, machte den Traum zunichte. Er trägt ein Hörgerät und hat einen Schwerbehindertenausweis. „Ich kann nicht alles machen“, sagt er.

Im Rahmen des Projektes „Praxislernen“ versuchte er sich zunächst als Programmierer, wechselte aber später ins Autohaus. Mit einem Notendurchschnitt von 2,1 beendete er die zehnte Klasse an der Oberschule, absolvierte eine einjährige Einstiegsqualifizierung und hat jetzt die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker begonnen.

„Durchschnittlich zwei bis drei Schüler pro Jahrgang beginnen eine Ausbildung bei ihrem Kooperationsbetrieb“, sagt Berit Kreisig, Leiterin der Gubener Europaschule. Die Einrichtung hat Kooperationsverträge mit mehr als 150 Unternehmen. Dazu gehören beispielsweise die Bäckerei Dreißig, der Polyestergarnhersteller Trevira, die Bauern AG Neißetal, die Medizinische Einrichtungsgesellschaft des Naemi-Wilke-Stiftes und von Anfang an auch das Autohaus Dirk Fischer.

Die Neunt- und Zehntklässler müssen jeweils ein halbes Jahr lang jeden Freitag in einen Betrieb arbeiten gehen. Diese Praxis-Lerntage sind Pflicht. Im Vorfeld müssen sich die Schüler ein Unternehmen aussuchen und bewerben. Rund 80!Prozent bleiben beim einmal gewählten Praktikumsbetrieb, doch auch ein Wechsel ist möglich. Ziel ist, dass die Jugendlichen die realen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt kennenlernen. Das soll die Berufswahl erleichtern und die Chancen für leistungsschwache Schüler erhöhen.

„Das Projekt finde ich gut, weil wir dabei auch die Menschen hinter den Noten kennenlernen“, sagt Fischer. Praktische Fähigkeiten und Eigen­initiative seien ihm ohnehin wichtiger als ein 1-A-Zeugnis.

Bei Alexander John Janas habe er „vom ersten Augenblick“ an ein gutes Gefühl gehabt. In der Cottbuser Niederlassung wird für den neuen Lehrling jetzt ein behindertengerechter Arbeitsplatz aufgebaut. Die Entscheidung, ins Handwerk zu gehen, hält Fischer für „goldrichtig“. „Die ausgebildeten Fachkräfte werden ein Leben lang Arbeit haben“, prognostiziert er.