ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:55 Uhr

100 Jahre Frauenwahlrecht
„Es braucht einen langen Atem“

FOTO: LR
Guben/Schenkendöbern. Politikerinnen aus der Region müssen auch heute teils noch ihre Kompetenz erst beweisen. Von Michèle-Cathrin Zeidler

Frauen gehören hinter den Herd und nicht in die Politik – mit solchen Sätzen musste sich das weibliche Geschlecht lange herumschlagen. Erst durch einen langen Kampf kann das Frauenwahlrecht am kommenden Montag seinen  100. Geburtstag feiern. Auch wenn sich das Verständnis für die Geschlechterrolle gewandelt hat, sind Frauen in der Politik heute zwar nicht mehr die Ausnahme, aber längst noch nicht die Regel. Dies gilt gerade auf kommunalen Ebene. Daher hat die RUNDSCHAU Politikerinnen aus Guben und Schenkendöbern einmal nach ihren Erfahrungen gefragt.

„Als Politikerin bewegt man sich in einem überwiegend männlich dominierten Umfeld“, sagt  Kerstin Nedoma (Linke). „Es bedurfte eines langen Atems und zahlreiche Hürden mussten überwunden werden, um zu zeigen, dass Frau nicht nur in der Bildungs- und Sozialpolitik kompetent ist, sondern auch Wirtschafts- und Haushaltspolitik beherrscht.“  Ihre Position als Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung musste sie sich mit Ausdauer, Schlagfertigkeit, Fleiß und fachlich fundierten Argumentationen erarbeiten. Heute werde ihr überwiegend mit Wertschätzung begegnet, auch von den männlichen Kollegen.  Doch trotzdem betont Kerstin Nedoma: „100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts kann von Gleichheit im politischen Amt  – im Sinne einer echten Parität  – keine Rede sein.“  Zwar sei der gesetzliche Rahmen zur Gleichstellung beider Geschlechter gegeben, aber trotzdem seien es vorrangig Männer, die das politische Geschehen bestimmen. Es fehle die Heranziehung von Frauen zu öffentlichen Ämtern. „Je höher die Positionen, umso stärker stoßen Frauen an die gläserne Decke“, so Nedoma. Neben den Wählern hätten auch die Parteien und Verbände eine Verantwortung, den gesetzlichen Auftrag zur gleichberechtigten Beteiligung von Mann und Frau umzusetzen. „Politische Integration beginnt mit dem Wählen“, erklärt Nedoma. „Eine ausgewogene politische Repräsentation in Parlamenten und Regierungen zu erreichen, das bleibt auch nach 100 Jahren Frauenwahlrecht eine aktuelle demokratische Herausforderung.“

Trotz ihres fortgeschrittenen Alters war es auch für Irmgard Schneider (GUB SPN) immer selbstverständlich, wählen gehen zu können. „Ich bin dankbar für dieses Privileg, weil man das Wahlrecht für wirklich wichtige Dinge allgemeiner und spezieller Art einsetzen kann“, so Schneider. Ihre männlichen Kollegen würden ihr mit Freundlichkeit begegnen. „Wir Frauen aus dem Osten waren höchste Anerkennung gewöhnt“, erklärt sie. „Und auf diesem Niveau habe ich bis jetzt weiter gemacht, um für uns alle die wichtigsten Lebensgrundlagen zu erhalten oder herbeizuführen.“ Der Gubener Politikerin fallen gleich mehrere Gründe ein, warum Frauen in der Politik noch immer die Minderheit sind: „Das sind die stressigen Tagesaufgaben, die Familienzwänge wie Ehemann, Kindererziehung oder die Meinung ‚das kann ich ja doch nicht ändern‘ kann. Beim letzten muss ich entgegnen, man kann ändern, es hat nur einen unbeschreiblich zähen Verlauf.“

In diesem Punkt stimmt ihr Hanni Dillan (Bürger für Bürger) zu. „Politische Arbeit verlangt ein hohes Maß an Zeit- und Kraftaufwand“, weiß die Politikerin aus Schenkendöbern.  „Nicht zu unterschätzen ist dabei der Anspruch vieler Frauen, auch als Ehefrau und Mutter stets perfekt zu sein. Durch diesen Anspruch an sich selbst, steht sich manche Frau wohl selbst im Weg.“ Sie ist eine von vier Frauen in der Sitzung der Gemeindevertreter von Schenkendöbern. „Mit Vorurteilen innerhalb der Gemeindevertretung musste ich anfangs nur als Vorsitzende der Bürgerinitiative ‚Bürger für Bürger‘ kämpfen“, erzählt Dillan. Die männlichen Kollegen würden sich ihr gegenüber heute loyal verhalten.

Während ihrer politischen Karriere hat Christiane Fritzschka (CDU) auch keine negativen Erfahrungen mit männlichen Kollegen gemacht. Zusammen mit neun anderen Frauen sitzt sie in der Gubener Stadtverordnetenversammlung. „Ich habe nie kämpfen müssen“, sagt  Fritzschka. „Kompetenz und rationales Denken müssen Vorrang haben.“ Stöckelschuhe und Schminke würden dabei allerdings nicht helfen. Damit die Frauen in der Politik nicht weiter in der Minderheit sind, wo sie doch in der Bevölkerung die Mehrheit ausmachen, würde sich Christiane Fritzschka wünschen, dass bei den Wahlen mehr Frauen Vertrauen in ihr Geschlecht haben.