ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:42 Uhr

Energiewende erst in 100 Jahren

Prof. Günter Bayerl begeht in diesem Jahr ein kleines Jubiläum. Seit genau 20 Jahren ist der gebürtige Augsburger Inhaber des Lehrstuhls für Technikgeschichte an der BTU. Der Kontakt nach Lieberose sei durch die Leichhardt-Konferenz im vergangenen Jahr zustande gekommen, lässt der 67-Jährige wissen.
Prof. Günter Bayerl begeht in diesem Jahr ein kleines Jubiläum. Seit genau 20 Jahren ist der gebürtige Augsburger Inhaber des Lehrstuhls für Technikgeschichte an der BTU. Der Kontakt nach Lieberose sei durch die Leichhardt-Konferenz im vergangenen Jahr zustande gekommen, lässt der 67-Jährige wissen. FOTO: Torsten Richter
Lieberose. Um den Wald und die Geschichte seiner Nutzung ist es in einem Vortrag des Cottbuser Wissenschaftlers Prof. Günter Bayerl in der Lieberoser Darre gegangen. Der Referent schlug dabei den Bogen vom Mittelalter bis zu einem topaktuellen Thema der heutigen Zeit. Torsten Richter

Wer heutzutage die Zeitungen aufschlägt, findet fast in jeder Ausgabe mindestens einen Artikel zur Energiewende. Weg von Atom- und Kohlestrom hin zu Wind- und Sonnenenergie lautet die Devise. Allerdings wissen nur wenige, dass es sich bereits um die zweite Energiewende innerhalb der vergangenen 300 Jahre handelt. Das sagt zumindest Prof. Günter Bayerl, Inhaber des Lehrstuhls für Technikgeschichte an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg.

"Die erste Energiewende hat, wenn man so will, unseren Wald gerettet", erklärt der Wissenschaftler. "Denn zwischen 1750 und 1850 wurde der Brennstoff Holz durch Kohle ersetzt", lautet die schlüssige Begründung. Holz und damit Wald sei zunehmend knapper geworden. Ursache hätten verschiedene Nutzungen gebildet, angefangen vom Schiffbau über die Metallverhüttung, die Glasherstellung, die Köhlerei bis hin zur Bereitstellung von Brennholz. Selbst viele Maschinen seien anfangs fast durchweg aus Holz gefertigt worden, beispielsweise Mühlen. Immer wieder musste der Wald herhalten. Kein Wunder, dass im 18. Jahrhundert große Teile Deutschlands fast waldfrei waren.

Dieser Prozess machte auch vor der Lausitz nicht halt. Derzeit laufe an der BTU eine Forschungsarbeit, um beispielsweise den Holzbedarf der Peitzer Hütte zu ermitteln. Bereits bekannt ist, dass es im nahen Königlichen Forst Jänschwalde allein rund 800 Meiler zur Herstellung von Holzkohle gab. Das hätten Ausgrabungen im Tagebauvorfeld ergeben.

Manche Wissenschaftler wie Werner Sombart sagten wegen des akuten Holzmangels das "drohende Ende des Kapitalismus" voraus. Dass es nicht dazu kam, war laut Günter Bayerl der Suche nach Alternativen zu verdanken gewesen. Zum einen natürlich durch die Begründung einer geregelten Forstwirtschaft. Erste Anfänge dazu gab es bereits im 14. Jahrhundert. Im Jahr 1368 hatte der Nürnberger Rats- und Handelsmann Peter Stromer die ersten Nadelbäume ausgesät. Durch Technologietransfers fand diese Methode auch anderswo Anwendung.

"Dennoch hätte eine rationale Forstwirtschaft allein nicht ausgereicht, um die verbliebenen Wälder dauerhaft zu erhalten", erklärt Bayerl. Der entscheidende Grund sei der Einsatz neuer Materialien anstelle des Holzes gewesen. Beispielsweise hätten Eisen und Stahl das Holz als Baustoff abgelöst. Kohle und Öl seien als neue Brennstoffe aufgekommen. "Man kann also sagen, dass die Industrialisierung unseren Wald gerettet hat", resümiert Günter Bayerl. Und das, obwohl der dadurch bedingte saure Regen und weitere negative Erscheinungen den Bäumen ganz massiv zusetzten. Übrigens hatte sich der Wald bereits im 17. Jahrhundert wieder auf dem Vormarsch befunden. Durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges richtete sich das Interesse der Bevölkerung eher auf das nackte Überleben als auf die Holzgewinnung. "Wenn der Mensch leidet, profitiert der Wald", besagt eine alte Försterregel.

Heute beträgt der Waldanteil im Land Brandenburg nach Angaben des Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft (MIL) gut 35 Prozent. Das bedeutet, dass sich zwischen Uckermark und Oberlausitz rund 1,1 Millionen Hektar Wald befinden. Den Löwenanteil bilde dabei die Kiefer, der "Brotbaum der Mark". Dieses Phänomen resultiere aus der geregelten Forstwirtschaft, deren Interesse in den ersten Jahrzehnten fast ausnahmslos auf einer möglichst zeitnahen Bereitstellung des Rohstoffes Holz lag.

Heute sei der Wald als erneuerbare Energiequelle erneut gefragt. Ob sich allerdings die seit einigen Jahren propagierte Energiewende, nämlich weg von fossilen Brennstoffen hin zu sauberem Ökostrom, innerhalb kurzer Zeit umsetzen lasse, zweifelt Günter Bayerl an. "Es wird heute viel zu kurzfristig gedacht. Die Energiewende wird viel länger dauern, vielleicht erneut ein ganzes Jahrhundert", sagte er. Mit ziemlicher Sicherheit scheine immerhin festzustehen, dass es auch dann in Deutschland und der Lausitz noch Wälder geben werde.