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Eisiger Stickstoff fürs Kaltwalzwerk

Mitarbeiter Torsten Buchholz beim Betanken von 24 000 Liter flüssigem Stickstoff bei einer Temperatur von minus 190 Grad Celsius.
Mitarbeiter Torsten Buchholz beim Betanken von 24 000 Liter flüssigem Stickstoff bei einer Temperatur von minus 190 Grad Celsius. FOTO: Gerrit Freitag
Eisenhüttenstadt. Die Linde Group hat in Eisenhüttenstadt eine neue Luftzerlegungsanlage eröffnet. Etwa 85 Millionen Euro hat der Technologiekonzern in das Projekt gesteckt. Die Anlage versorgt unter anderem ArcelorMittal mit Sauerstoff und Stickstoff. Janet Neiser

"Dieser Standort wird seinem Ruf als industrieller Leuchtturm in Ostbrandenburg treu bleiben." Mit diesem Satz beendet Pierre Jacobs, Vorsitzender der Geschäftsführung von ArcelorMittal, seine Rede zur feierlichen Eröffnung der neuen Luftzerlegungsanlage der Linde Group. Kurz darauf schneiden er, Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) und Linde-Vorstandsmitglied Bernd Eulitz das blaue Band am Eingang der Produktionsstätte durch.

Währenddessen fährt gerade ein 40-Tonner mit der Aufschrift "Frischefroster - Stickstoff. Optimale Frische für Lebensmittel" vorbei. Kurz dahinter steht ein weiterer mit den Worten "Saubere Umwelt - Abwasserreinigung mit tiefkaltem Sauerstoff". 25 bis 30 Tankwagen verlassen jeden Tag den Standort der Linde Group in Eisenhüttenstadt, der sich in der Nachbarschaft des Konverterstahlwerks von ArcelorMittal befindet. Die Fahrzeuge sind beladen mit jeweils gut 20 Tonnen flüssigem, bis minus 200 Grad kaltem Stickstoff oder Sauerstoff. Diese Gase werden neben anderen in der neuen Luftzerlegungsanlage aus der Luft gewonnen, die aus der Umwelt abgesaugt, gereinigt, verflüssigt und anschließend in ihre Bestandteile aufgesplittet wird. "Umgebungsluft ist ein Gasgemisch aus etwa 78 Prozent Stickstoff, 21 Prozent Sauerstoff, 0,9 Prozent Argon sowie weiteren Edelgasen", erklärt Bernd Eulitz, Linde-Vorstandsmitglied bei einer Begehung der Anlage.

Neben dem Wirtschaftsminister sind auch Bürgermeisterin Dagmar Püschel sowie Geschäftsführer anderer lokaler Unternehmen vor Ort, um einen Blick auf das "Wunderwerk der Technik" zu werfen, wie es Albrecht Gerber kurz zuvor genannt hat. Der Neubau der Linde Group, die in das Projekt 85 Millionen Euro investiert hat, stärke das Werk, den Standort Eisenhüttenstadt und auch das Land. Es sei heutzutage nicht selbstverständlich, dass energieintensive Unternehmen in Deutschland investieren, betont der Wirtschaftsminister.

Neben Krankenhäusern, die Sauerstoff zur Patientenbeatmung von Linde erhalten, und der Lebensmittelindustrie, die vor allem Stickstoff zum Kühlen und Gefrieren benötigt, ist vor allem auch ArcelorMittal Eisenhüttenstadt interessiert an den 30 000 Kubikmetern Sauerstoff, die seit Anfang des Jahres täglich in der neuen Luftzerlegungsanlage produziert werden. Die sind nämlich sowohl für das Roheisen- als auch für das Stahlwerk lebenswichtig. Und für die Verzinkung im Kaltwalzwerk wiederum wird Stickstoff gebraucht. "Diese Anlage ist wichtig für unsere Zukunftsplanung", betont AMEH-Chef Pierre Jacobs. Nicht nur weil die Versorgung mit den Gasen dadurch sichergestellt ist, sondern vor allem auch weil die Energieeffizienz dadurch gestiegen sei. Zudem werde die Umwelt geschont. Die längste Rohrleitung von Linde zu einer Anlage von ArcelorMittal ist übrigens vier Kilometer lang und führt zum Hochofen 5A. "Es erfüllt uns mit Stolz und Genugtuung, dass Linde dieses Projekt realisiert hat", sagt Jacobs.

Aus der Linde Group selbst heißt es, dass mit dem Neubau die erfolgreiche Kooperation mit ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt fortgesetzt werde. "Das Unternehmen unterstreiche damit die strategische Bedeutung des Standorts für die Versorgung von Kunden in der Region. Wir haben hier für die nächsten 10, 20, 30 Jahre investiert", so Bernd Eulitz.

1994 hatte die damalige EKO Stahl GmbH die 1983 gebauten zwei Luftzerlegungsanlagen outgesourct. Linde hatte diese dann übernommen. Eine davon wird nun stillgelegt. Zuvor meldete das Roheisenwerk von ArcelorMittal einen Mehrbedarf an Sauerstoff an, weil nun auch Braunkohlestaub in den Hochofen eingeblasen wird. "Die Investition in die neue Luftzerlegungsanlage ist letztlich also durch ArcelorMittal initiiert", sagt Olaf Reckenhofer, Geschäftsleiter von Linde Gas Region Central Europe, und betont, dass man nicht investiert hätte, wenn man nicht an den Standort glauben würde.