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Einst Hochbetrieb zur Baumblüte

Der Bismarckturm vor 1945.
Der Bismarckturm vor 1945. FOTO: Gunia/ggg1
Guben. Der Gubener Historiker Gerhard Gunia erinnert aus Anlass des 200. Geburtstags von Otto von Bismarck an den Gubener Bismarckturm, der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. ggg1

200 Jahre im Leben einer Stadt - eine unendliche, unübersehbare Fülle an Ereignissen, an Höhen und Tiefen städtischen Daseins. Als Otto von Bismarck, erster Reichskanzler zwischen 1871 und 1890, am 1. April 1815 geboren wurde, stand das sächsische Guben kurz vor der Übernahme in das damalige Königreich Preußen unter Friedrich Wilhelm III. In den nachfolgenden 130 Jahren entwickelte sich Guben zu einer führenden Textilstadt in der Provinz Brandenburg mit einer ausgeprägten Infrastruktur, wie Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerk, den Bahnhofsbauten von 1846 und 1871, Straßenbahn, Schulen, Stadttheater (1874). Der epochale Einschnitt von 1945 führte zu den strukturellen Veränderungen, wie wir sie heute vor uns haben.

Baumblüte und Bismarckturm waren maßgeblich kennzeichnend im politischen, kulturellen und geselligen Leben der Stadt. Ein Höhepunkt war der 2. September 1908, da der Bismarckturm auf Bäros Berg, wie er heißt, unter Oberbürgermeister Paul Bollmann feierlich eingeweiht wurde. Auf dem Festplatz ertönten patriotische Lieder und der gemeinsame Gesang "Heil Dir im Siegerkranz, Retter des Vaterlands, Heil Kaiser Dir", das damalige deutsche Nationallied.

Die Höhe des Turms betrug 26,7 Meter, der Sockel aus Feldsteinen war neun Meter hoch und die Aussichtsterrasse mit Blick auf das Neißetal und die Umgebung lag in 22 Metern Höhe. Unsere Vorfahren erlebten hier unvergessliche Stunden, ebenso die vielen Touristen, die sich in den Berglokalen vor allem in der Baumblüte und danach einfanden. Man wanderte vom Bahnhof über die Parkbrücke (seit 1925 Nordbrücke) zur Grünen Wiese und zum Pfingstberg in Richtung Triftstraße weiter zum idyllischen Berggelände.

Damals schrieb die "Gubener Zeitung": "Wenn an patriotischen Gedenktagen, insbesondere am 1. April, die Feuerzeichen an der Spitze des Turmes auflodern werden, dann wird auch in ferner Zukunft, wenn sie längst alle ins Grab gesunken sein werden . . . das Andenken an den großen Helden, dessen Name der Turm trägt, in den Herzen aller neu geweckt werden."

Tragische Ironie der Geschichte: 37 Jahre später loderten die Feuerzeichen während der schweren Kämpfe im Februar/März 1945 am zerstörten Bismarckturm auf. Die Kämpfe forderten zahlreiche Opfer auf deutscher und russischer Seite. Das vereinte Kaiserreich von 1871 unter Bismarcks Kanzlerschaft ging für immer unter. Geblieben sind Mahnung und Erinnerung: Wandert man heute durch die einsamen Gubiner Berge, erreicht man die Reste eines einst erhabenen Bauwerkes.