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| 10:57 Uhr

Gemeinsam erinnern
Ein Wiedersehen nach 70 Jahren

Über seine Erlebnisse an der Front hat Johannes Diebe ein Buch geschrieben. Durch dieses Werk hat er nun nach 70 Jahren einen ehemaligen Kameraden wiedergefunden.
Über seine Erlebnisse an der Front hat Johannes Diebe ein Buch geschrieben. Durch dieses Werk hat er nun nach 70 Jahren einen ehemaligen Kameraden wiedergefunden. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler
Guben. Der Gubener Johannes Diebe hat einen ehemaligen Kriegskameraden wiedergefunden. Von Michéle-Cathrin Zeidler

Mit gerade einmal 17 Jahren musste der Gubener Johannes Diebe im Jahr 1945 an die Front. 70 Jahre nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft hat er nun einen ehemaligen Kameraden wiedergefunden.

„Bereits in der Festtagsrede der Vereidigung auf Führer, Volk und Vaterland wurde darauf hingewiesen, dass sich der Feind keine 50 Kilometer entfernt befindet“, erzählt der heute 91-Jährige. Nur wenige Tage später wurde es für den unerfahrenen Soldaten ernst: Johannes Diebe und seine Kameraden rückten aus, um die Festung von Küstrin zu halten. „Wir sollten unsere Verteidigungsstellung in dem hart gefrorenen Boden zwei Meter tief aufheben“, erzählt der Gubener. Die ersten Panzer ließen nicht lange auf sich warten. „Den Anblick der ersten Feindberührung werde ich wohl nie vergessen. Ich war wie versteinert und hatte die Hosen voll“, sagt Johannes Diebe. Auf seine 54 Tage als Soldat folgten 1500 Tage in russischer Gefangenschaft. Über das Erlebte hat Johanes Diebe 2016 das Buch „Mit 17 an die Front. Ein alter Gubener erinnert sich“ im Niederlausitz Verlag Guben herausgebracht.

„Viele meiner Kameraden haben nicht überlebt und sind den Heldentod gestorben“, sagt Johannes Diebe. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im April 1948 hat er nach Schicksalsgefährten gesucht. Über viele Jahre blieb diese Suche allerdings ergebnislos.

Doch im Februar klingelte plötzlich das Telefon des Rentners. Die Nummer war Johannes Diebe unbekannt. „Der Enkel eines ehemaligen Soldaten hatte mein Buch auf dem Weihnachtsmarkt in Neuzelle gekauft und fand darin die Geschichten seines Großvaters wieder“, schildert Johannes Diebe. Beide Männer sind im Jahr 1927 geboren und kämpften an der Festung Küstrin. „Ich konnte es nicht fassen, aber wir vereinbarten ein Treffen“, erzählt Johannes Diebe. Und so standen sich die zwei Veteranen kurz darauf gegenüber – 70 Jahre nach dem Ende ihrer Gefangenschaft in Russland.

„Ich habe ihn nicht erkannt“, gesteht Johannes Diebe. „Aber wir waren damals beide noch sehr jung und durch den total Krieg verängstigt.“ Im Gespräch ergab sich allerdings, dass beide Männer in der gleichen Gruppe waren, den gleichen Unteroffizier hatten und Seite an Seite kämpften, bevor sie in Gefangenschaft das gleiche Lager teilten.

„Natürlich habe ich ihn mit ein paar Fragen getestet“, so Diebe. „Aber er kannte Details und Namen, die nicht im Buch stehen.“ Beide Männer verbindet ein ähnliches Schicksal. „Nach unserer Entlassung waren wir 20 Jahre alt. Die schöne Zeit der Jugend haben wir in Russland bei dünner Suppe und nassem Brot verbracht.“ Diese Zeit werden die zwei Kameraden bis an ihr Lebensende wohl nie vergessen.

„Das Leben geht seltsame Wege. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich nach all der Zeit jemanden finde, der das gleiche wie ich erlebt hat“, fragt sich Johannes Diebe. Aus diesem Grund folgte im Juli ein zweites Treffen und zum Fischerfest im Oktober planen die zwei Kameraden ein erneutes Wiedersehen.

Durch die Begegnungen sind bei Johannes Diebe die alten Erinnerungen wieder frisch. „Aber es hilft, darüber zu sprechen“, sagt der Autor. Auch das Schreiben seines Buches habe ihm bei der Verarbeitung seiner Erlebnisse weitergebracht. Über viele Jahre hinweg hatte Johannes Diebe seine Geschichte für sich behalten. „Nur im Alkoholrausch habe ich meiner Frau einmal alles erzählt“, sagt er. „Denn schließlich hatte ich einen Schwur abgelegt, über das Erlebte und Gesehene nicht zu sprechen.“ Und daran hielt sich Johannes Diebe lange: „Doch nun tut es einfach gut, einen Kameraden wiederzusehen und sich gemeinsam zu erinnern.“