ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:16 Uhr

Ein Tagebau-Seelsorger steigt aus

Nach einem bewegten Berufsleben als Pastor und Kohlegegner blickt Mathias Berndt nun dem Ruhestand entgegen.
Nach einem bewegten Berufsleben als Pastor und Kohlegegner blickt Mathias Berndt nun dem Ruhestand entgegen. FOTO: Berhard Schulz
Atterwasch. Er ist das Gesicht der Kirche im Protest gegen den Tagebau Jänschwalde. Mathias Berndt kümmert sich um die Seelsorge in den abbaggerungsbedrohten Dörfern. Seit 1977 ist er Pfarrer in Atterwasch. Nun geht er – doch der Kampf gegen die Kohle bleibt. Bernhard Schulz

Die Morgenstunden, an denen Mathias Berndt vor dem Altar drei Kerzen anzündet, sind gezählt. Drei Kerzen, die für Atterwasch, Grabko und Kerkwitz stehen; drei Dörfer, die dem geplanten Braunkohletagebau Jänschwalde-Nord weichen sollen. 900 Bewohner müssten umgesiedelt werden. Ende Mai überlässt Berndt das Atterwascher Pfarrhaus und die Kirche sich selbst. "Aber die Kohle wird mich nie loslassen."

Kompromisse in Sachen Ruhestand will der unscheinbar wirkende Mann mit der randlosen Brille nicht machen. "Ich will einen klaren Schnitt", sagt der 65-Jährige. Deshalb der Wegzug aus der Dienstwohnung und aus dem Ort, an dem er seit beinahe vier Jahrzehnten als Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Region Guben arbeitet. Seit 2011 ist er im Auftrag der Berliner Kirchenleitung als Seelsorger in von Abbaggerung bedrohten Gemeinden unterwegs.

In die großen Fußstapfen, die er hinterlässt, wird vermutlich niemand treten - die Pfarrstelle in Atterwasch wird nicht nachbesetzt. Keiner, der sich künftig um die rund 1200 Gemeindeglieder in den neun Tagebau-Randdörfern kümmert. Kirchenaustritte, Demografie und Abwanderung fordern ihren Tribut. "Laut Schlüsselberechnung ist ein Pfarrer hier nicht mehr nötig", sagt Berndt, die Stirn in Falten gelegt.

Aber gerade entlang der Tagebaukante gibt es einen "erhöhten Seelsorgebedarf", wie er es formuliert. Viele sehen ihr Lebenswerk durch den Staat entwürdigt, der dem Energiekonzern Vattenfall erlaubt, ihr Hab und Gut wegzubaggern. Junge kämpfen frustriert, Ältere resignieren. Die Palette der psychischen Folgen reicht von Ess-Störungen über Depressionen bis hin zu Suizidgedanken, erklärt er. "Ich versuche, den Menschen ins Leben zurückzuholen."

Und obwohl der Theologe als bekennender Braunkohlegegner gilt, sieht er sich der Neutralität verpflichtet. Berndt will Pastor für alle sein: "Auch für die, die in der Kohle arbeiten". Es gehe darum, den Menschen - nicht den politischen Gegner - zu sehen. Ein Credo, das er sich auch als Schenkendöberner Gemeindevertreter auf die Fahnen geschrieben hat. "Wie lange ich im Rat noch den ausgleichenden Part übernehme, ist völlig offen", sagt er.

Wenn Berndt weiter wegzieht, muss er ohnehin den Posten räumen. Seinem politischen Engagement bleibt der Aktivist aber treu. Als Mitglied der Gruppe Lokale Agenda 21 wird er sich weiterhin gegen die Braunkohle-Lobby stemmen, Menschenketten oder den Sternmarsch mitorganisieren, um für die Energiewende und den Stopp der Lausitzer Tagebaupläne zu demonstrieren: "Der Einstieg in den Ausstieg der Kohle ist überfällig", betont er. Zwar zweifelt er ernsthaft daran, dass Jänschwalde-Nord noch kommt, aber "wir stehen nach wie vor auf unsicherem Boden".

Neben der "Bewahrung der Schöpfung" will sich der Pfarrer vor allem mehr seiner Familie widmen. Seine Enkelkinder möchte er so oft wie möglich besuchen und Posaune lernt er mit Anfang 65 nun noch spielen. "Mindestens ein Jahr lang werde ich mich komplett aus der Arbeit nehmen - danach kann man mal vorsichtig nachfragen."

Zum Thema:
Mathias Berndt ist 1950 in Westberlin geboren.Nach seiner Schulzeit in Friedrichshain wird er zur NVA eingezogen.Nach dem Theologie-Studium wird Berndt 1975 nach Grano berufen - zwei Jahre später ist er Pfarrer von Atterwasch.Seit 2011 als Tagebau-Seelsorger im Einsatz, geht er Ende Mai in Ruhestand.